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Braucht Handlungsfähigkeit einen Rahmen? Neustart Schweiz wird ein Verein.

Dynamiken in Gruppen sind manchmal schwer zu durchschauen. Mit wenig Erwartungen machte ich mich am Sonntag auf den Weg zum mittlerweilen vierten Neustart Schweiz-Treffen. Ich hatte mir zwar vorgenommen, geduldig zu bleiben, aber mich gefragt, ob aus dem wolkigen Gebilde, dass sich in Form von interessierten Menschen und vielen Ideen um das Konzept gebildet hatte, etwas Konkretes entstehen würde. Anregend waren die Treffen immer und es sind wertvolle Kontakte zu spannenden Leuten entstanden. Emergenz hatte allerdings nicht stattgefunden.

Neustart SchweizNach der Vorstellung der Gartenkooperativen ortoloco und Dunkelhölzli, welche im letzten Jahr entstanden sind und für und mit ihren Mitgliedern Gemüse anbauen (siehe auch Regionale Vertragslandwirtschaft) und der Besichtigung der Anbaufläche des einen Projektes auf dem gastgebenden Hof, sassen wir in der grossen Runde. Nach verschiedenen Wortmeldungen zu demokratischer Wirtschaft und einem nachhaltigen, vereinfachten Lebensstil stand dann die Frage im Raum, wie man politisch Wirkung erzielen kann. Anwesende mit entsprechenden Kontakten und Erfahrungen machten deutlich, dass "PolitikerInnen gezwungen werden wollen", etwas zu tun. Es ist ja demokratische Binsenwahrheit, dass diese Vertreter einer Gruppe von Menschen mit gleichen Interessen sind. Und von diesen wieder gewählt werden, wenn sie sich gut vertreten fühlen.

Wenn sich diese Einzelnen organisieren, dann kann die Wirkung verstärkt werden. Ich bin davon ausgegangen, dass dies in unserer Netzwerkgesellschaft (sind wir das?) "unorganisiert" passieren kann, aber für diese Art von Arbeit braucht es weniger eine Masse (Crowd) als eine Gemeinschaft (Community). Nicht nur einen rechtlichen Rahmen, sondern auch ein identitätsstiftendes Gefäss?

Der Vorschlag, einen Verein zu gründen, ist - und das hat mich erstaunt - auf offene Ohren gestossen. Für mich waren wir kurz vor dem Ende eines Versuches, aus einem vielversprechenden Entwurf etwas Anfassbares zu gestalten. Und dann haben wenige Sätze etwas bewirkt, das die Energie in der Gruppe komplett geändert hat. Nicht nur haben mehr als die Hälfte der Teilnehmer zum Ausdruck gebracht, dass sie beitreten, sondern es gab auch mehrere konkrete Angebote zur Übernahme von Aufgaben.

Institutions vs. Collaboration - Institutional Response
Quelle: TED

Das macht mich einerseits froh, weil Neustart Schweiz Potential hat (nicht nur in der Schweiz übrigens, wie auch das treue Grüppchen aus Freiburg DE beweist). Andererseits bin ich bewusst seit Jahren in keinem Verein mehr. Die "Kosten" der Art und Weise, wie in traditionellen, langjährigen Vereinen gearbeitet wird, sind mir meistens zu hoch. Allerdings ist das wahrscheinlich eher ein Charakteristikum jeglicher Institutionalisierung und Organisation, welche erstarrt, weil die Strukturen nicht lebendig bleiben.

Institutions vs. Collaboration - Cooperative Infrastructure
Quelle: TED

Wenn wir es also schaffen, die Organisation, welches es braucht, um den Vereins-Rahmen zu schaffen und erhalten, möglichst schlank zu halten und auf der anderen Seite Koordination und Kollaboration unter den Mitgliedern zu maximieren (System vs. Organismus, ganz unten), damit möglichst ein grosser Anteil der Ressourcen für die Erreichung der Ziele eingesetzt werden können, dann freue ich mich auf meine neue Vereinsmitgleidschaft. Die Gründungsversammlung findet übrigens am 24. August in Olten statt. Via Newsletter, welcher hier abonniert werden kann, wird über das weitere Vorgehen informiert.

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Den Wikingern ihre Kühe II

Im ersten Teil von "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" hat sich Jared Diamond mit der Frage beschäftigt, warum es Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart gelungen ist, ihre ökologischen Probleme in den Griff zu bekommen (siehe "Den Wikingern ihre Kühe"). Der letzte Teil des Buches befasst sich mit der praktischen Bedeutung dieser Erkenntnis.

Schwierigkeiten

Was sind die schwersten ökologischen Probleme von früheren und heutigen Gesellschaften:

  1. Wir verwandeln immer schneller unberührte, natürliche Lebensräume in kultivierte, auf Menschen zugeschnittene. Diese Umwandlung, z.B. Waldzerstörung, war ein wichtiger - manchmal sogar der entscheidende - Faktor beim Zusammenbruch von vergangenen Gesellschaften. Die natürlichen Lebensräume sind Basis alles Lebens auf der Erde sowie unserer Zivilisation und erbringen zudem dreiviertel der Leistung (als primary economy nach John Michael Greer), welche wir wirtschaftlich nutzen (Pflanzenwachstum, saubere Luft und Wasser, erneuerbare Ressourcen, ...).
  2. "Wilde" Lebensmittel stellen einen beträchtlichen Anteil der von Menschen verbrauchten Proteinmenge dar, vor allem Fische und Meerestiere, aber auch anderes Wild. Viele dieser Bestände werden heute übernutzt und stehen in abnehmendem Masse zur Verfügung. Zuchten verschlimmern häufig das Problem, weil zum Beispiel Fische in Aquakulturen mit gefangenem Wildfisch gefüttert werden. Mit dem x-fachen von dem, was sie an Fleisch liefern.
  3. Viele Tier- und Pflanzenarten sind durch menschliche Tätigkeit bereits verloren und die Biodiversität nimmt weiter ab. Um bestimmte grosse Arten bemühen wir uns zwar (siehe z.B. rote Listen), wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg. Viele verschwinden aber im Verborgenen. Jede von ihnen hatte einen Platz und Funktion in natürlichen Kreisläufen. Die Folgen können wir nicht abschätzen, aber sie werden früher oder später auf die eine oder andere Weise zu Tage treten.
  4. Die Humusschichten, Basis des Nutzpflanzenanbaus, werden durch Überbauung, Erosion und industrielle Landwirtschaft zerstört. Wie Waldzerstörung haben auch Bodenprobleme zum Zusammenbruch aller früheren Gesellschaften beigetragen.
  5. Die Kosten zur Gewinnung der wichtigsten Primärenergieträger der Industrieländer (Öl, Erdgas, Kohle) werden zunehmen, weil die noch vorhandenen Reserven immer aufwändiger erschlossen werden müssen.
  6. Der grösste Teil des an der Oberfläche vorhandenen Süsswassers wird bereits heute genutzt (Bewässerung, Industrie, Haushalte, Fischerei, Verkehr). Das Grundwasser wird praktische weltweit übernutzt, die Pegel sinken. Bereits heute haben über eine Milliarde Menschen keine zuverlässige, saubere Trinkwasserversorgung.
  7. Die Photosynthese-Kapazität ist begrenzt. Sie beschreibt das Vermögen von Pflanzen, mit Hilfe von Wärme und Wasser Sonnenlicht in chemische Energie umzuwandeln. Heute wird von Menschen die Hälfte davon genutzt.
  8. Gewollt oder ungewollt setzt die Menschheit chemische Stoffe frei, welche natürliche Kreisläufe beeinflussen resp. schädigen. Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung sind Anreicherungen von künstlichen (oder auch natürlichen) Substanzen, welche giftige oder andere, z.B. hormonaktive, Wirkung haben.
  9. Fremde biologische, d.h. im ursprünglichen Ökosystem nicht vorkommende, Arten können verheerende Schäden anrichten.
  10. Durch menschliche Tätigkeit entstehen Gase, welche in die Atmosphäre entweichen und dort aktiv werden (Ozonschichtabbau und Treibhauseffekt). Wieviel von der Klimaerwärmung menschengemacht ist, drüber kann man sich streiten. Fakt ist, dass sich das Klima ändert und dies verschiedene Auswirkungen hat.
  11. Die Weltbevölkerung nimmt zu und auf Grund des demografischen Überganges ist eine Stabilisierung in den nächsten Jahrzehnten nicht zu erwarten.
  12. Entscheidend ist nicht alleine die Zahl der Menschen, sondern ihre Auswirkungen auf die Umwelt. Ziel der Bevölkerung der meisten Länder ist der westliche Lebenstandard, welcher bekanntlich bei weitem nicht tragbar ist für die Erde.

Diese 12 Problemkomplexe hängen natürlich alle zusammen. Ein Problem verschärft das andere und macht die Lösung schwieriger. Wir sind weit davon entfernt, aktiv auch nur eines davon zu lösen, aber sie werden auf jeden Fall auf die eine oder andere Art gelöst werden. Und laut Diamond ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass dies noch zu Lebzeiten unserer Kinder und jungen Erwachsenen geschehen wird.

Die Frage ist: wird es eine selbstgewählte, mehr oder weniger angenehme Lösung sein wird oder eine, welche nicht unseren Entscheidungen entspringt, höchstwahrschienlich für die meisten Menschen unangenehm sein wird und über Kriege, Völkermorde, Hungersnöte, Epidemien und schliesslich dem teilweisen oder kompletten Zusammenbruch von Gesellschaften herbeigeführt wird? All dies ist nichts Neues und immer wieder vorgekommen in der Menscheitsgeschichte.

Wir können noch

Alles hoffnungslos also? Nein, durchaus nicht. Wir stehen zwar schwerwiegenden Problemen gegenüber, aber es gibt Unterschiede zur Vergangenheit, welche uns helfen können, einen sanften Übergang in eine post-fossile, relokalisierte, nachhaltige Gesellschaft zu schaffen:

  • Die meisten Schwierigkeiten sind hausgemacht und noch nicht so gross, dass wir sie nicht mehr lösen können. Wir brauchen keine neuen Technologien, sondern "nur" den kollektiven Willen, vorhandene Ansätze umzusetzen.
  • Das globale Bewusstsein beginnt, sich zu wandeln: die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe und das sich ändernde Klima zum Beispiel werden nicht mehr angezweifelt. Oder auch nachhaltigere Produktionsweisen entfalten langsam breitenwirkung (Bio, Fairtrade, FSC, ...).
  • Das Wissen um die ökologischen Zusammenhänge ist so gross wie noch nie in der Geschichte der menschlichen Zivilisation.
  • Mit der Globalisierung sind auch weltweite Vernetzungsmöglichkeiten entstanden, was Transparenz fördert und Einflussmöglichkeiten von nicht-staatlichen und nicht-wirtschaftlichen Organisationen (alias Zivilgesellschaft) stärkt.

Wann müssen wir welche Entscheidungen treffen, um die Erde als intaktes Ökosystem und Lebensgrundlage zu erhalten?

  1. Langfristig denken und mutige, weitsichtige Entscheidungen zu einem Zeitpunkt treffen, wenn Probleme bereits spürbar sind, aber noch keine krisenhaften Ausmasse erreicht haben. Dies muss auf allen Ebenen passieren: individuell, nachbarschaftlich, territorial, kontinental, global (um einmal die postnationalstaatlichen Begriffe von "Neustart" zu verwenden).
  2. Schmerzliche Entscheidungen über Wertvorstellungen treffen. Und hier sind wir wieder bei den titelgebenden Wikingern angelangt: welche liebgewordenen Werte müssen wir über Bord werfen, weil sie unter veränderten Bedingungen keinen Sinn mehr machen? Die Wikinger haben an ihren Kühen festgehalten, obwohl diese für das Ökosystem in Grönland nicht tragbar waren. Sie weigerten sich, einen Teil ihrer Identität als europäische, christliche, bäuerliche Gesellschaft abzulegen und gingen daran zugrunde. Sind es andererseits 200m2 beheizte Wohnfläche, tägliches Fleisch auf dem Teller und motorisierter Indivudualverkehr wert, alles aufs Spiel zu setzen?

Natürlich wissen wir das alles. Wann aber führt dieses Wissen zu Entscheidungen und Handlungen? Darüber später mehr.

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Den Wikingern ihre Kühe

Bin ich ein Doomer? Wenn man in den Artikel der letzten Wochen und Monate zwischen den Zeilen liest (oder auch nicht so dazwischen), dann könnte ebendieser Eindruck entstehen. Tatsächlich denke ich, dass wir vor dem Ende der Welt stehen, welche wir gekannt haben (was - nur so nebenbei - aber schon an jedem einzelnen Tag seit Anbeginn der Fall war).

Jared Diamond war vor fünf Jahren in "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" noch vorsichtig optimistisch, heute lässt sich zumindest gefühlt eine seiner Beobachtungen bestätigen: das Wachstum sowohl ökologischer Probleme als auch dem Bewusstsein dafür ist exponentiell und es ist immer noch nicht klar, wer das Rennen gewinnen wird. Als einer der wichtigsten Unterschiede zu früheren Zivilisationen schaut er die positiven Seiten der Globalisierung an: die weltweite Vernetzung ermöglicht praktische grenzenlosen und verzögerungsfreien Austausch von Informationen. Niemand wird den letzten Baum fällen und dann sagen können, er habe gemeint, dass die Wälder auf der anderen Seite noch existieren. Und wir können auf noch nie dagewesenes historisches Material zurückgreifen und aus der Geschichte lernen.

Probleme können also im globalen Rahmen erkannt - zum Beispiel im Weltagrarbericht - und gelöst werden (um den inneren Zyniker zufriedenzustellen, aber trotzdem in gewaltfreier Sprache zu bleiben: ersters ist weit fortgeschritten, in zweiterem haben wir noch grosses Potential). Angesichts der letzten Anstrengungen resp. dem Resultat dieser Anstrengungen gibt es zumindest berechtigte Zweifel an der globalen Handlungsfähigkeit. Aber dies ist aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit. Beziehungsweise des Leidensdrucks.

Was zum Zusammenbruch führen kann
Diamond hat die Geschichte von verschiedene Gesellschaften in der Vergangenheit und Gegenwart untersucht und fünf Faktoren beobachtet, welche über das Fortbestehen einer Gesellschaft entscheiden:

  1. Umweltschäden: Störung von natürlichen Kreisläufen, Übernutzung von Ressourcen
  2. Klimaveränderungen: die lokalen und globalen Klimaverhältnisse haben sich immer verändert, unter natürlichem und menschlichem Einfluss
  3. feindliche Nachbarn: das Aufrechterhalten einer gewissen Wehrhaftigkeit, Auf-Distanz-halten oder gar gewaltsame Auseinandersetzungen binden und verschleissen Mittel, welche dann anderweitig nicht mehr zur Verfügung stehen
  4. freundliche Handelspartner: (lebens)wichtige Rohstoffe und Produkte, über welche man nicht selber verfügt oder produzieren kann, machen abhängig
  5. die Reaktion der Gesellschaft auf Veränderungen

Moais am Ahu Tongariki

Quelle: Wikimedia Commons

Wie relevant die einzelnen Faktoren sind hängt natürlich immer von den Gegebenheiten ab: ist man auf einer Insel zu Hause (wie zum Beispiel die Polynesier auf der Osterinsel), dann haben 3 und 4 keine Bedeutung. Auch 1 oder 2 sind unter Umständen zu vernachlässigen. Einzig Faktor 5, die Reaktion einer Gesellschaft auf Veränderungen spielt immer.

Bei allen Gesellschaften, welche Diamond untersucht hat, waren Umweltschäden am Zusammenbruch massgeblich beteiligt, aber nie einziger Grund. Die Frage ist, warum es Gesellschaften zulassen, dass es durch fehlerhafte Bewirtschaftung der ökologischen Ressourcen zum Zusammenbruch kommen kann. Die Antwort ist einfach: Entscheidungsprozesse versagen. Warum?

  1. Ein Problem wird unter Umständen nicht vorausgesehen, bevor es tatsächlich da ist. Zum Beispiel die Konsequenzen aus dem Einführen von nichtlokaler Flora oder Fauna oder neuen Technologien.
  2. Ein Problem wird nicht wahrgenommen, wenn es bereits eingetreten ist. Bestimmte Dinge entziehen sich der menschlichen Wahrnehmung, weil sie in kleinster oder riesiger Dimension geschehen oder zeitlich schnell oder langsam passieren.
  3. Wenn es wahrgenommen wird, dann wird nicht versucht, es zu lösen. Vernünftige Überlegungen können dazu führen, dass in einem Kontext Nutzen entsteht, andere aber schädigt. Dort, wo Schaden entsteht, ist aber niemand, welcher sich dagegen wehrt oder der Einfluss ist zu klein. Anders ausgedrückt: rationales, für die Gesellschaft negatives oder egoistisch Verhalten. Beispiel ist die Tragik der Allmende.
  4. Ein Lösung gelingt unter Umstände nicht. Vielleicht reichen die Fähigkeiten oder Ressourcen nicht aus, die Lösung ist nicht bezahlbar oder die Bemühungen sind zu spät oder zu schwach.

Einen Punkt möchte ich noch hinzufügen:

  1. Die Lösung verursacht weitere, eventuell noch grössere Probleme. Das schliesst den Kreis zu Punkt 1. Und denjenigen zu den komplexen System, welche zwingend komplexer werden.

Diamond verteufelt übrigens Unternehmen und Konzerne nicht, da er anerkennt, dass sie gemäss ihrem Wesen handeln (rational, ohne Ethik oder Moral, gewinnorientiert). Wenn die Wirtschaft negative Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft hat, dann ist es Aufgabe der Gesellschaft, einen entsprechenden Rahmen vorzugeben.

Der Beitrag "Den Wikingern ihre Kühe II" beleuchtet die Faktoren, welche über den Untergang oder das Fortbestehen einer Gesellschaft entscheiden.

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Kollektive Handlungsfähigkeit und andere Erkenntnisse

Ist Open Space einer geeigneter Veranstaltungsrahmen, um als Gruppe Resultate zu erreichen? Trotz scheinbarer Ziellosigkeit und inhaltlicher Offenheit (zumindest zu Beginn) denke ich, ja. Ich kenne kein anderes Format, welches administrativ so schlank Menschen mit ihren Interessen und der jeweiligen Bereitschaft, sich einzubringen, abholt. Ein Rahmen, welcher Partizipation unterstützt, aber nicht erzwingt.

Open SpaceIch gebe aber trotzdem zu, dass ich nach dem Neustart Schweiz-Treffen vom vorletzten Sonntag langsam etwas ungeduldig werde: wann passiert endlich etwas Konkretes? Dabei muss ich mir allerdings wieder zwei Dinge vor Augen halten:

  1. Es geschieht bereits was: Treffen werden organisiert (das nächste am 13. Juni), Übersetzungen gemacht (z.B. hier eine französische Zusammenfassung), Buch-Rezensionen und Kommentare geschrieben. Und die Zahl der Interessierten und Unterstützer wächst: über 100 Personen erhalten den Newsletter, gut 60 sind auf der Plattform registrierte Mitglieder und an den bisherigen drei Treffen haben ca. 80 Menschen teilgenommen. Trotz wolkiger Konsistenz (ein Rahmen für Kollaboration?) wird Neustart Schweiz Potential zugetraut.
  2. Damit ein aus einem Netzwerk bestehenden Kollektiv handlungsfähig wird, braucht es eine gemeinsame Basis: Vertrauen und freiwillige Einigung auf Ziele. Dies entsteht nicht über Nacht, sondern ist ein Prozess, welcher Zeit braucht. Und obwohl wir alle persönliche Autonomie hochalten (natürlich, wir sind ja Kinder des Individualismus-Zeitalters), scheint langsam auch wieder eine grössere Bereitschaft zu entstehen, eigene Interessen für das Gemeinwohl zurückzustellen.

Eine gemeinsame Erklärung einer der Gruppen, welche sich formiert hatte, kam der Handlungsfähigkeit trotz der Umstände - die meisten haben sich noch nie gesehen und die zur Verfügung stehende Zeit war knapp - doch schon recht nahe.

Nebst der wieder gemachten Erfahrung, dass die Welt zwar gross, aber gleichzeit auch sehr klein ist, nehme ich ein paar Erkenntnisse aus den Diskussionen mit:

  • Geld wird zwar für viele der Probleme, welche wir heute haben, verantwortlich gemacht, kann aber auch eine eine wichtige Funktion erfüllen: es schafft Bewusstsein. So attraktiv die Ideen von geldfreien Lebens- und Wirtschaftsräumen sind, so wenig würden sie heute funktionieren - aus meiner Sicht. Wenn wir nämlich in einem gut sind, dann ist es das Vergessen. Jede Leistung, jedes Schaffen und Erschaffen "kostet": Zeit, Energie, Material. Wenn wir davon profitieren (ohne entsprechendes Bewusstsein), dann wird diese Tatsache sehr bald unserer Aufmerksamkeit entgleiten. Übernutzung (wenn im Überfluss vorhanden) oder Missbrauch ist dann nicht weit. Der Preis von Produkten oder Leistungen ist ein anderes Paar Schuh ...
  • Handlungsangebote sind besser als Versuche, auf Bewusstseins-Änderungen hinzuwirken. Letzteres müssen Menschen immer selber vollziehen. Natürlich braucht es dazu Information, Erkenntnisse und Erfahrungen, welche vernmittelt werden sollen. Aber das äusserliche Einwirken auf andere endet oft in nutzlosen Diskussionen, Manipulation oder Machausübung. Viel gesünder ist es, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen und ihnen neue Erfahrungen zu ermöglichen.
  • Die entscheidende Frage, ob ein System dauerhaft existieren kann oder nicht (also nachhaltig ist), ist: wird mehr produziert, als hineingegeben wird? Falls nein, wird das System über länger nicht überleben. Das gilt sowohl für menschliche Gemeinschaften als auch für andere Systeme.
  • Wir kämen besser mit der Realität zu Rande, wenn wir komplexe Zusammenhänge (diese Definition ist auch hübsch) nicht als System, sondern als Organismus verstehen würden. Systeme sind statisch, Organismen leben und verändern sich. Nichts von dem, was sich beobachten lässt, ist statisch (wie wir z.B. beim Klima feststellen können) und wir kämen viel besser zurecht, wenn uns dies bewusst wäre. Alles verändert sich. Immer.
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Wild, nicht warm

Während wir einfachen Gemüter nach den beiden letzten (gefühlten) langen und kalten Wintern die Klimaerwärmung nicht mehr verstehen und uns von der Vorstellung von tropischen Verhältnissen in Kontinentaleuropa verabschieden, ist dieser Hinweis auf die Auswirkung von steigenden Temperaturunterschieden nützlich: wir werden in Zukunft nicht primär wärmeres Wetter bekommen, sondern unerwartete und zerstörende Wetterereignisse nehmen zu. Und dem begegnen wir nicht, indem wir ein bisschen am System flicken (weniger Verbrauch am Eingang, weniger Emmissionen am Ausgang), sondern indem wir uns anders organisieren:

Resilienz; die Kapazität eines Systems, Störungen zu absorbieren und sich während Veränderungen neu zu organisieren

Aber das eigentliche Thema in "An Exergy Crisis" ist nicht das sich ändernde Klima. Sondern Exergie, welche - je mehr erneurbare Energiequellen erschlossen und die fossilen teurer werden resp. abnehmen - zum einem der nächsten Themen werden wird: die Energiekonzentration oder der Teil der Energie, welcher sich nutzen lässt. Beispiel: wohl liefert die Sonne insgesamt mehr Energie als wir momentan verbrauchen, aber nur ein Teil davon lässt dafür verwenden, wofür wir Energie brauchen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft basiert auf hochkonzentrierten Energieformen wie Erdöl, man halte sich nur mal das Transportwesen vor Augen. Dieses auf Sonnenenergie umstellen?

Wenn also diese hochkonzentrierten Energieformen rarer werden, werden wir entweder hochkonzentrieren müssen (was im grossen Stil nachhaltig eher nicht möglich sein wird) oder unseren Lebensstil auf das ausrichten, was die natürlichen Kreisläufe zur Verfügung stellen: Biomasse, Sonne, Wind, Wasser(bewegung). Und menschliche und tierische Arbeitskraft.

Aus der Sicht von uns Industrienationen-Bewohnern, welche Milch und Eier im Supermarkt holen und einmal im Jahr den Tanklaster mit Öl vorfahren lassen, hat dies einen romantischen Anstrich. Mittelaltermärkte und -feste finden nicht umsonst verstärkt Anklang. In der Realität bedeutet dies aber - nebst all den schönen Aspekten körperlicher Tätigkeit - Schweiss und Blut. Wie ich beim Bereitstellen des Stückholzvorrates für zwei Winter, das wir zur Erzeugung von Warmwasser und Heizwärme brauchen (trotz Sonne), wieder einmal feststellen konnte. Am Abend ist man müde, was nicht zuletzt die ganze Online-Welt wieder einmal an die richtige Position setzt: weit hinter all das, was uns hilft, unsere (Grund-)Bedürfnisse zu decken.

Werden wir freiwillig wieder mehr physische Arbeit leisten? Nicht alle sind sind diesbezüglich positiv, in der Geschichte war dies ein "Privileg" Angehöriger niedriger gesellschaftlicher Schichten, aber solange dies mehr mit Freude als Mühsal verbunden ist, könnte es eine Zeit lang funktionieren. Ansonsten werden uns die Umstände zwingen. Mit den warmen Häusern und gefüllten Läden können wir es im Moment noch entspannt angehen.

Ein Weg für Menschen ohne eigene Möglichkeiten zur Lebensgrundlagen schaffenden Betätigungen könnten zum Beispiel freiwillige Einsätze in der eigenen Lebensmittelproduktion leisten. Und natürlich noch vieles anderes ...

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Nützlich, nicht effizient

Via Nuevalandia-Blog, welches von Michael Klotsche - ein im Braungartschen Sinne intelligenter Ingenieur (hier im Interview) - gepflegt wird, bin ich wieder auf eine Person aufmerksam geworden, welche hier auch schon Thema war (und dessen Konzept kritisch kommentiert worden ist): Michael Braungart.

An der Utopia-Konferenz 08 hat er ein Vortrag (Teil 1, 2, 3, 4 / Hörbuch davon kann ich auf Anfrage zur Verfügung stellen) zu seinem Konzept gehalten, aber vor allem seine Botschaft bewegend rübergebracht (auch wenn dies anderthalb Jahre später im deutschsprachigen Raum zu keinen zähl- und fühlbaren Ergebnissen geführt hat, was mich aber trotzdem nicht zur Verwendung von abgenutzten Metaphern verleitet).

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Die Commons als Chance

Während das Heulen und Zähneknirschen langsam verebbt (hat jemand ernsthaft geglaubt, dass in Kopenhagen was Zählbares rauskommt?), beweist ein obskurer Haufen im Norden (einen Friedenspreis für jemanden, der Krieg führt?) auch mal einen lichten Moment, indem es Elinor Ostrom den Wirtschaftsnobelpreis verleiht. Und zwar für ihre Arbeiten zum Thema Gemeingüter oder neudeutsch - den Commons.

Ausnahmsweise verweise ich jetzt mal auf einen Beitrag in meinem anderen Blog auf Manufaktur in Gründung. Dort habe ich unscharf angedacht - mit massiver externer Hilfe (welche die Unschärfe in keinster Weise verschuldet) -, was Allmende-Ressourcen für eine Bedeutung in einem anderen Wirtschaftssystem haben könnten.

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Extensive Bienenhaltung

Könnte man sagen, dass eine wesentliche Wurzel des Übels, in welchem wir uns heute befinden, Intensivierung ist? Irgendwie liegt es in der Natur der Menschen, unsere Tätigkeiten durch Erfindungen und Innovation ständig zu verbessern. Aber Verbesserung nach welchen Massstäben? Häufig handelt es sich um die Maximierung des Outputs. Je mehr wir kriegen für den gleichen oder verminderten Aufwand, welchen wir reinstecken, desto besser.

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Optionen für den Übergang in eine post-fossile Zivilisation

Das Ende des Zeitalters billiger Energie (von welchem nur eine Minderheit auf diesem Planeten profitiert hat) ist in Sicht, dazu kommen - sehr wahrscheinlich - klimatische Veränderungen, welche weltweit unsere heutigen Lebensgrundlagen in Frage stellen. Heute sind wir in immer stärkerem Mass damit beschäftigt, "grünen" Ersatz zu finden: biologischer Landbau statt konventioneller, biologische Lebensmittel statt Industrienahrung, erneurbare Energiequellen statt Kohle- und Atomkraftwerke, biologische Textilien usw.

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Kultureller Revolutionär - ich bin einer

Ausser Sympathien und positiven Assoziationen verbindet mich oberflächlich betrachtet wenig mit Kultur und Revolution, ich bin weder Maler noch Umstürzler. Die Begriffskombination Kulturrevolution ist nicht wirklich unbelastet und wirkt im modernen Kontext gross (wobei ein bisschen Pathos angesichts der heutigen gefühlszentrierten Werbebotschaften nicht weiter ins Gewicht fällt). Und kann man sich ernsthaft als kulturellen Revolutionär bezeichnen?

Kulturelle RevolutionäreJa. Ich tue es. Weil ich die entsprechende Erklärung unterschreiben kann. Nicht weil ich alle Punkte erfülle, aber sie praktisch alle als eigene Ideale und Grundsätze erkenne.

Scheinbar gibt es auch noch ein paar andere.

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