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Den Wikingern ihre Kühe II

Im ersten Teil von "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" hat sich Jared Diamond mit der Frage beschäftigt, warum es Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart gelungen ist, ihre ökologischen Probleme in den Griff zu bekommen (siehe "Den Wikingern ihre Kühe"). Der letzte Teil des Buches befasst sich mit der praktischen Bedeutung dieser Erkenntnis.

Schwierigkeiten

Was sind die schwersten ökologischen Probleme von früheren und heutigen Gesellschaften:

  1. Wir verwandeln immer schneller unberührte, natürliche Lebensräume in kultivierte, auf Menschen zugeschnittene. Diese Umwandlung, z.B. Waldzerstörung, war ein wichtiger - manchmal sogar der entscheidende - Faktor beim Zusammenbruch von vergangenen Gesellschaften. Die natürlichen Lebensräume sind Basis alles Lebens auf der Erde sowie unserer Zivilisation und erbringen zudem dreiviertel der Leistung (als primary economy nach John Michael Greer), welche wir wirtschaftlich nutzen (Pflanzenwachstum, saubere Luft und Wasser, erneuerbare Ressourcen, ...).
  2. "Wilde" Lebensmittel stellen einen beträchtlichen Anteil der von Menschen verbrauchten Proteinmenge dar, vor allem Fische und Meerestiere, aber auch anderes Wild. Viele dieser Bestände werden heute übernutzt und stehen in abnehmendem Masse zur Verfügung. Zuchten verschlimmern häufig das Problem, weil zum Beispiel Fische in Aquakulturen mit gefangenem Wildfisch gefüttert werden. Mit dem x-fachen von dem, was sie an Fleisch liefern.
  3. Viele Tier- und Pflanzenarten sind durch menschliche Tätigkeit bereits verloren und die Biodiversität nimmt weiter ab. Um bestimmte grosse Arten bemühen wir uns zwar (siehe z.B. rote Listen), wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg. Viele verschwinden aber im Verborgenen. Jede von ihnen hatte einen Platz und Funktion in natürlichen Kreisläufen. Die Folgen können wir nicht abschätzen, aber sie werden früher oder später auf die eine oder andere Weise zu Tage treten.
  4. Die Humusschichten, Basis des Nutzpflanzenanbaus, werden durch Überbauung, Erosion und industrielle Landwirtschaft zerstört. Wie Waldzerstörung haben auch Bodenprobleme zum Zusammenbruch aller früheren Gesellschaften beigetragen.
  5. Die Kosten zur Gewinnung der wichtigsten Primärenergieträger der Industrieländer (Öl, Erdgas, Kohle) werden zunehmen, weil die noch vorhandenen Reserven immer aufwändiger erschlossen werden müssen.
  6. Der grösste Teil des an der Oberfläche vorhandenen Süsswassers wird bereits heute genutzt (Bewässerung, Industrie, Haushalte, Fischerei, Verkehr). Das Grundwasser wird praktische weltweit übernutzt, die Pegel sinken. Bereits heute haben über eine Milliarde Menschen keine zuverlässige, saubere Trinkwasserversorgung.
  7. Die Photosynthese-Kapazität ist begrenzt. Sie beschreibt das Vermögen von Pflanzen, mit Hilfe von Wärme und Wasser Sonnenlicht in chemische Energie umzuwandeln. Heute wird von Menschen die Hälfte davon genutzt.
  8. Gewollt oder ungewollt setzt die Menschheit chemische Stoffe frei, welche natürliche Kreisläufe beeinflussen resp. schädigen. Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung sind Anreicherungen von künstlichen (oder auch natürlichen) Substanzen, welche giftige oder andere, z.B. hormonaktive, Wirkung haben.
  9. Fremde biologische, d.h. im ursprünglichen Ökosystem nicht vorkommende, Arten können verheerende Schäden anrichten.
  10. Durch menschliche Tätigkeit entstehen Gase, welche in die Atmosphäre entweichen und dort aktiv werden (Ozonschichtabbau und Treibhauseffekt). Wieviel von der Klimaerwärmung menschengemacht ist, drüber kann man sich streiten. Fakt ist, dass sich das Klima ändert und dies verschiedene Auswirkungen hat.
  11. Die Weltbevölkerung nimmt zu und auf Grund des demografischen Überganges ist eine Stabilisierung in den nächsten Jahrzehnten nicht zu erwarten.
  12. Entscheidend ist nicht alleine die Zahl der Menschen, sondern ihre Auswirkungen auf die Umwelt. Ziel der Bevölkerung der meisten Länder ist der westliche Lebenstandard, welcher bekanntlich bei weitem nicht tragbar ist für die Erde.

Diese 12 Problemkomplexe hängen natürlich alle zusammen. Ein Problem verschärft das andere und macht die Lösung schwieriger. Wir sind weit davon entfernt, aktiv auch nur eines davon zu lösen, aber sie werden auf jeden Fall auf die eine oder andere Art gelöst werden. Und laut Diamond ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass dies noch zu Lebzeiten unserer Kinder und jungen Erwachsenen geschehen wird.

Die Frage ist: wird es eine selbstgewählte, mehr oder weniger angenehme Lösung sein wird oder eine, welche nicht unseren Entscheidungen entspringt, höchstwahrschienlich für die meisten Menschen unangenehm sein wird und über Kriege, Völkermorde, Hungersnöte, Epidemien und schliesslich dem teilweisen oder kompletten Zusammenbruch von Gesellschaften herbeigeführt wird? All dies ist nichts Neues und immer wieder vorgekommen in der Menscheitsgeschichte.

Wir können noch

Alles hoffnungslos also? Nein, durchaus nicht. Wir stehen zwar schwerwiegenden Problemen gegenüber, aber es gibt Unterschiede zur Vergangenheit, welche uns helfen können, einen sanften Übergang in eine post-fossile, relokalisierte, nachhaltige Gesellschaft zu schaffen:

  • Die meisten Schwierigkeiten sind hausgemacht und noch nicht so gross, dass wir sie nicht mehr lösen können. Wir brauchen keine neuen Technologien, sondern "nur" den kollektiven Willen, vorhandene Ansätze umzusetzen.
  • Das globale Bewusstsein beginnt, sich zu wandeln: die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe und das sich ändernde Klima zum Beispiel werden nicht mehr angezweifelt. Oder auch nachhaltigere Produktionsweisen entfalten langsam breitenwirkung (Bio, Fairtrade, FSC, ...).
  • Das Wissen um die ökologischen Zusammenhänge ist so gross wie noch nie in der Geschichte der menschlichen Zivilisation.
  • Mit der Globalisierung sind auch weltweite Vernetzungsmöglichkeiten entstanden, was Transparenz fördert und Einflussmöglichkeiten von nicht-staatlichen und nicht-wirtschaftlichen Organisationen (alias Zivilgesellschaft) stärkt.

Wann müssen wir welche Entscheidungen treffen, um die Erde als intaktes Ökosystem und Lebensgrundlage zu erhalten?

  1. Langfristig denken und mutige, weitsichtige Entscheidungen zu einem Zeitpunkt treffen, wenn Probleme bereits spürbar sind, aber noch keine krisenhaften Ausmasse erreicht haben. Dies muss auf allen Ebenen passieren: individuell, nachbarschaftlich, territorial, kontinental, global (um einmal die postnationalstaatlichen Begriffe von "Neustart" zu verwenden).
  2. Schmerzliche Entscheidungen über Wertvorstellungen treffen. Und hier sind wir wieder bei den titelgebenden Wikingern angelangt: welche liebgewordenen Werte müssen wir über Bord werfen, weil sie unter veränderten Bedingungen keinen Sinn mehr machen? Die Wikinger haben an ihren Kühen festgehalten, obwohl diese für das Ökosystem in Grönland nicht tragbar waren. Sie weigerten sich, einen Teil ihrer Identität als europäische, christliche, bäuerliche Gesellschaft abzulegen und gingen daran zugrunde. Sind es andererseits 200m2 beheizte Wohnfläche, tägliches Fleisch auf dem Teller und motorisierter Indivudualverkehr wert, alles aufs Spiel zu setzen?

Natürlich wissen wir das alles. Wann aber führt dieses Wissen zu Entscheidungen und Handlungen? Darüber später mehr.

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