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Den Wikingern ihre Kühe

Bin ich ein Doomer? Wenn man in den Artikel der letzten Wochen und Monate zwischen den Zeilen liest (oder auch nicht so dazwischen), dann könnte ebendieser Eindruck entstehen. Tatsächlich denke ich, dass wir vor dem Ende der Welt stehen, welche wir gekannt haben (was - nur so nebenbei - aber schon an jedem einzelnen Tag seit Anbeginn der Fall war).

Jared Diamond war vor fünf Jahren in "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" noch vorsichtig optimistisch, heute lässt sich zumindest gefühlt eine seiner Beobachtungen bestätigen: das Wachstum sowohl ökologischer Probleme als auch dem Bewusstsein dafür ist exponentiell und es ist immer noch nicht klar, wer das Rennen gewinnen wird. Als einer der wichtigsten Unterschiede zu früheren Zivilisationen schaut er die positiven Seiten der Globalisierung an: die weltweite Vernetzung ermöglicht praktische grenzenlosen und verzögerungsfreien Austausch von Informationen. Niemand wird den letzten Baum fällen und dann sagen können, er habe gemeint, dass die Wälder auf der anderen Seite noch existieren. Und wir können auf noch nie dagewesenes historisches Material zurückgreifen und aus der Geschichte lernen.

Probleme können also im globalen Rahmen erkannt - zum Beispiel im Weltagrarbericht - und gelöst werden (um den inneren Zyniker zufriedenzustellen, aber trotzdem in gewaltfreier Sprache zu bleiben: ersters ist weit fortgeschritten, in zweiterem haben wir noch grosses Potential). Angesichts der letzten Anstrengungen resp. dem Resultat dieser Anstrengungen gibt es zumindest berechtigte Zweifel an der globalen Handlungsfähigkeit. Aber dies ist aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit. Beziehungsweise des Leidensdrucks.

Was zum Zusammenbruch führen kann
Diamond hat die Geschichte von verschiedene Gesellschaften in der Vergangenheit und Gegenwart untersucht und fünf Faktoren beobachtet, welche über das Fortbestehen einer Gesellschaft entscheiden:

  1. Umweltschäden: Störung von natürlichen Kreisläufen, Übernutzung von Ressourcen
  2. Klimaveränderungen: die lokalen und globalen Klimaverhältnisse haben sich immer verändert, unter natürlichem und menschlichem Einfluss
  3. feindliche Nachbarn: das Aufrechterhalten einer gewissen Wehrhaftigkeit, Auf-Distanz-halten oder gar gewaltsame Auseinandersetzungen binden und verschleissen Mittel, welche dann anderweitig nicht mehr zur Verfügung stehen
  4. freundliche Handelspartner: (lebens)wichtige Rohstoffe und Produkte, über welche man nicht selber verfügt oder produzieren kann, machen abhängig
  5. die Reaktion der Gesellschaft auf Veränderungen

Moais am Ahu Tongariki

Quelle: Wikimedia Commons

Wie relevant die einzelnen Faktoren sind hängt natürlich immer von den Gegebenheiten ab: ist man auf einer Insel zu Hause (wie zum Beispiel die Polynesier auf der Osterinsel), dann haben 3 und 4 keine Bedeutung. Auch 1 oder 2 sind unter Umständen zu vernachlässigen. Einzig Faktor 5, die Reaktion einer Gesellschaft auf Veränderungen spielt immer.

Bei allen Gesellschaften, welche Diamond untersucht hat, waren Umweltschäden am Zusammenbruch massgeblich beteiligt, aber nie einziger Grund. Die Frage ist, warum es Gesellschaften zulassen, dass es durch fehlerhafte Bewirtschaftung der ökologischen Ressourcen zum Zusammenbruch kommen kann. Die Antwort ist einfach: Entscheidungsprozesse versagen. Warum?

  1. Ein Problem wird unter Umständen nicht vorausgesehen, bevor es tatsächlich da ist. Zum Beispiel die Konsequenzen aus dem Einführen von nichtlokaler Flora oder Fauna oder neuen Technologien.
  2. Ein Problem wird nicht wahrgenommen, wenn es bereits eingetreten ist. Bestimmte Dinge entziehen sich der menschlichen Wahrnehmung, weil sie in kleinster oder riesiger Dimension geschehen oder zeitlich schnell oder langsam passieren.
  3. Wenn es wahrgenommen wird, dann wird nicht versucht, es zu lösen. Vernünftige Überlegungen können dazu führen, dass in einem Kontext Nutzen entsteht, andere aber schädigt. Dort, wo Schaden entsteht, ist aber niemand, welcher sich dagegen wehrt oder der Einfluss ist zu klein. Anders ausgedrückt: rationales, für die Gesellschaft negatives oder egoistisch Verhalten. Beispiel ist die Tragik der Allmende.
  4. Ein Lösung gelingt unter Umstände nicht. Vielleicht reichen die Fähigkeiten oder Ressourcen nicht aus, die Lösung ist nicht bezahlbar oder die Bemühungen sind zu spät oder zu schwach.

Einen Punkt möchte ich noch hinzufügen:

  1. Die Lösung verursacht weitere, eventuell noch grössere Probleme. Das schliesst den Kreis zu Punkt 1. Und denjenigen zu den komplexen System, welche zwingend komplexer werden.

Diamond verteufelt übrigens Unternehmen und Konzerne nicht, da er anerkennt, dass sie gemäss ihrem Wesen handeln (rational, ohne Ethik oder Moral, gewinnorientiert). Wenn die Wirtschaft negative Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft hat, dann ist es Aufgabe der Gesellschaft, einen entsprechenden Rahmen vorzugeben.

Der Beitrag "Den Wikingern ihre Kühe II" beleuchtet die Faktoren, welche über den Untergang oder das Fortbestehen einer Gesellschaft entscheiden.

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Kommentare (2)  Permalink

Kommentare

Lisa @ 16.05.2010 09:44 CEST
Hallo Reto
ein nicht belegbares Gefühl: da haben sich einige Abläufe verselbständigt und die, die unsere Geschicke mitführen und mitleiten wollen, kommen mir oft vor wie Feuerwehrmänner oder Frauen... immer noch schnell was machen, für tiefere, wesentliche Kurs - Korrekturen fehlt scheinbar die Zeit - - beängstigend. Auf diese Crew sollten wir nicht zu fest hoffen, besser das eigene Umfeld anders organisieren. Gute Zeit,Lisa
Tony @ 23.07.2011 13:36 CEST
Interessant finde ich die Sache mit den freundlichen Handelspartnern. Das ist wohl das, was man am wenigsten erwartet... und was bei uns auf der Welt doch am häufigsten zutrifft. Zumindest heutzutage - wenn man mal Vergleiche zieht mit z.B. der Zeit der Kolonien oder des alten Rom. Lieben Gruß, Tony
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