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Warum komplexe Systeme zerstört werden

Systemtheoretiker mögen die folgenden Aussagen wiederlegen, aber mir erscheinen die Argumente in "Why the demise of civilisation may be inevitable" (leider nicht im Volltext) schlüssig: jedes komplexe, lebende System wird früher oder später zerstört respektive zerstört sich selber. Es scheint ein natürliches Prinzip zu sein, dass jede Lebensform sich entwickelt, d.h. versucht, sich bestmöglich an die Umstände anzupassen. Dies erhöht allerdings die Komplexität und damit wachsende Spezialisierung, erhöhter Ressorcen- und Energieverbrauch, verstärkte Vernetzung und Abhängigkeiten. Je höher die Komplexität, desto höher die "Kosten", um diese aufrecht zu erhalten.

Vernetzung

Quelle: Wikimedia Commons

Und erhöhte Komplexität verursacht auch neue Probleme, deren Lösung wiederum in erhöhter Komplexität resultieren. Und immer so weiter, bis der Ressorcen- und Energieverbrauch nicht mehr weiter gesteigert werden können und man nur noch den Status Quo halten kann.

Alles schön und gut, keine Probleme soweit, oder? Spannend wird es, wenn von aussen ins System einwirkende Eregnisse auftreten. Solange noch Raum für Verbesserungen und Weiterentwicklung vorhanden sind (Reserven), können diese mehr oder weniger gut aufgefangen und "gelöst" werden. Je näher man der maximalen Entwicklungsstufe ist, desto weniger gross ist die Reserve, um auf von aussen kommende Einflüsse reagieren zu können. Und erhöhte Komplexität heisst auch immer erhöhte Verletzlichkeit.

Soviel zur Theorie. Buzz Holling, einer der Väter der Ökologische Ökonomie, hat die Resilienz von natürlichen Systemen untersucht und in Studien festgestellt, dass sich Hochentwicklung und Zusammenbruch komplexer Systeme auch dort beobachten lässt. In einem wachsenden Stück Wald zum Beispiel spezialisieren sich Arten (sowohl Tiere als auch Pflanzen) und haben so einen Vorteil gegenüber weniger spezialisierte Arten. Daraus entsteht ein immer starreres und enger gekoppeltes System. Die Arten passen sich optimal an die Verhältnisse an. Wenn die Rahmenbedingungen sich allerdings ändern - eine neue Insektenart wandert ein, ein Waldbrand oder eine Überflutung tritt auf- , dann bricht das System zusammen und wird durch ein einfacheres mit weniger spezialisierten Arten ersetzt. Und erneut tritt der Kreislauf in Gang.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/31/Deccan_Traps_volcano.jpg
Quelle: Wikimedia Commons

Ein anderes Beispiel ist die Fauna im Erdmittelalter: Dinosaurier waren hochspezialisierte Arten, welche allerdings einem Meteoriteneinschlag auf der Erde und/oder gesteigertem Vulkanismus nichts entgegensetzen konnten. Praktische alle Arten der Gruppe starben aus und einfachere Arten breiteten sich aus.

WTF? Kommen wir also endlich zum Weltuntergang. Respektive dem Untergang der Industriezivilisation. Die Umgebung, in der wir Menschen heute leben, kann wohl mit Recht als eines der komplexesten Systeme angeschaut werden, welche je auf der Erde existiert haben. In den letzten Jahrzehnten ist die Komplexität förmlich explodiert: immer stärker beschleunigte, globale Waren-, Informations- und Energieströme koppeln Elemente im System immer enger und stärker.

Dass wir womöglich die Grenze der maximalen Komplexität nahezu erreicht haben, zeigen verschiedene Indizien: die Kosten, um das System am Laufen zu halten, sind mit den nutz- und ausbeutbaren Ressourcen und Energiequellen gerade noch tragbar. Selbst verursachte Störungen haben kontinentale oder weltweite Auswirkungen (Finanzkrise, Blackouts, absurde Verschuldung grosser Organisationseinheiten verbunden mit zunehmder Handlungsunfähigkeit, etc.). Zudem zerstören wir unsere Lebensgrundlage durch ökologisches Missmanagement: die Böden laugen aus und werden zu Wüsten, die Meere verschmutzen und sind zunehmend leerer, ... Die Geschichte von den Maya bis den Sumerern zeigt, dass dies schon fast alleine für den Untergang einer Zivilisation reicht.

Blöderweise können wir nicht bremsen und den Status Quo einfrieren, weil das System so angelegt ist, dass es wachsen muss (Bevölkerungsgrösse, kapitalistische Wirtschaft, individuelle und kollektive Erwartungshaltung bezüglich Bedürfnisbefriedigung, ...). Der Dampfer wird noch lange in die falsche Richtung fahren, auch wenn wir das Steuer herumgerissen haben.

Und nochmal blöderweise basiert das System auf nicht-erneuerbaren Ressourcen und Energiequellen, das heisst, der Aufwand um diese zu gewinnen, steigt ständig und gleichzeitig nimmt der Vorrat ab. Und aller guten Dinge sind drei: das uns umgebende System ist nicht konstant, wie wir gerade erstaunt feststellen, sondern verändert sich. Womöglich und sogar wahrscheinlich, weil wir es beeinflussen. Und haut in immer kürzeren Abständen mit dem grossen Hammer an die Käseglocke unseres Systems, unter der wir uns vermeintlich befinden. Die Frage ist, wer das Rennen gewinnt: die steigende Komplexität oder die Grösse des Ereignisses von aussen.

Ich glaube nicht, dass wir mit einem Knall untergehen werden (auch wenn Katastrophen nicht zwingend Chaos bedeuten müssen). Vielmehr wird der Abstieg schleichend vonstatten gehen. Wie die Geschichte auch zeigt, ist der Untergang einer Zivilisation nicht das Ende der Welt. Je schneller wir es schaffen, die Komplexität des Systems herunterfahren, desto kleiner die "Anpassungsschmerzen".

Optionen haben wir. Auch gibt es noch immer Zivilisationsformen (wenn wir auch eifrig an deren Auslöschung arbeiten), welche sich problemlos nachhaltig in einer post-fossilen Welt behaupten können. Und wir haben eine kommende barbarische Generation, welche die aktuelle Zivilasation sowieso zerstören will: the greatest threat yet to capitalist civilization.

Kommentare (12)  Permalink

Kommentare

Stephan @ 22.03.2010 16:12 CEST
*thumbs up*

Daraus schliesst man, dass Überangepassheit und Extremspezialisierung hinderlich sind, um auf externe Ereignisse zu reagieren.

Der Investbanker wird also verreckt sein, bis er gärtnern gelernt hat.

Weiter schliesse ich, dass es einen Spezialisierungsstop geben müsste. Sagen wir, man muss mindestens 2 Stunden Zeit haben zu gärtnern und in dieser Zeit nicht bänkern gehen.

Quintessenz: Es gäb Gemüsegärten in den Bankvierteln. :-)
daniel @ 22.03.2010 21:13 CEST
mir erscheint das von dir grob skizzierte szenario auch plausibel. quinn verfolgt in ismael ähnliche gedanken, ist/war aber der ansicht, dass der untergang noch zu stoppen ist.

@stephan: ich bin gärtnernder banker, aber das ist sicherlich kein modell für die massen :-)
Reto Stauss @ 22.03.2010 22:38 CEST
@Stephan: Spezialisierung ermöglicht halt "Profitmaximierung", aber erhöht auch das Risiko ... endlich etwas Rückenwind für uns Universaldilettanten.

Das Szenario mit (Teilzeit-)Erwerbsarbeit und eigener Produktion (Lebensmittel oder andere Güter) könnte tatsächlich ein Realität in der Übergangszeit werden. Und ein zweites Standbein würde die Resilienz entscheidend erhöhen.

@daniel: wenn selbst Banker gärtnern, dann kann noch nicht Hopfen und Malz verloren sein :-). Lese übrigens mit bei Dir ...
Ralf @ 25.03.2010 16:12 CEST
Was kommen wird, darauf bin ich jedenfalls äußerst gespannt und es wird vermutlich gar nicht mehr so lange dauern. Ich bin kein Weltuntergangsprophet und will es auch nicht zu schwarz malen. Es wird so ähnlich sein wie du beschrieben hast mit den Dinosaurieren nur eben werden es die Dinosaurierüberzeugungen sein, die sicherlich bald aussterben werden. Biologisch gesehen ist der Mensch gut bedient, denn er ist zu spät entwickelt und das bedeutet kein Nischenspezialist sondern extrem anpassungsfähig. Und das sehe ich sehr positiv. Wie hart jedoch die Übergangsphase werden wird von dem "Wiemanesauchimmerbezeichnenmöchte-System" ins nächste, was also genau aus diesem Ereignis wird, das ist schwierig zu beurteilen.

Wer sich da ein wenig mit beschäftigen möchte, kann mal nach Gerald Celente oder Marc Faber schauen. Das sind zwei "Trendpropheten", die die letzten 15/20 Jahre sehr genau vorhergesagt haben...
Matti @ 29.03.2010 19:34 CEST
Der Übergang wird kaum langsam geschehen. Supersysteme, wie Logistik, Finanzen, Nahrungsmittelproduktion funktionieren, oder dann eben nicht. Es wird Schocks und Panik geben, das ist sicher. Eine langsame Entwicklung zu simplen, lokalen Strukturen schliesse ich deshalb aus. Der Volg im Dorf hängt eben auch am globalen Markt.
Dominik @ 03.05.2010 15:59 CEST
Ich sehe die Kombination aus Materialismus und Relativismus unserer Tage als den/die Treiber unserer Selbstzerstörung.

Wir streben nur nach Geld und Einfluss, kreisen nur um unsere Befindlichkeiten und Selfness-Befindlichkeiten, und sind durch und durch auf unseren Nutzen hin optimiert. Alles muss funktionieren, wir müssen funktionieren, die anderen müssen funktionieren (so wie wir wollen und es unserem Empfinden nützlich ist). /Materialismus

Wir haben uns von dem Streben nach Wahrheit und Liebe verabschiedet, statt dessen muss jeder so sein wie er will und muss sich positionieren und in Community und in Image einordnen. Der Supermarkt der Images und Gruppen ist groß. Wir leben in einer permanenten Adam und Eva Situation, denn wir wollen sein wie Gott bzw. halten das alles für altmodisch und dümmlich, weil wir uns für die Spitze der Intelligenz und Erkenntnis halten. Wir tun alles was wir wollen und müssen wohl oder übel daher auch alles vom anderen ertragen. Babys im Mutterleib töten, das ist eine Errungenschaft. Einwandern in andere Länder, das gehört zum Schutz unserer Demokratie dazu. Experimente mit unserer DNA, das könnte viel Geld bringen. Feldpflanzen anbauen die nur einen Saison leben, das ist heute unser Lebens-Standard (Wortspiel). Zu jedem Fachgebiet eine Meinung haben, aber letztlich kein Wissen darüber besitzen. Nichts ist gut oder böse. Alles ist irgendwie eben relativ. /Relativismus

Nicht die Komplexität wäre das Problem, denn das sind wir auch. Unsere kultivierten Mängel sind unser Problem. Unsere steigende Angst vor allem ist unser Problem. Unser verloren gegangener Friede ist unser Problem.

lg Dominik
melanie @ 26.05.2010 12:28 CEST
So habe ich dies noch garnicht betrachtet, aber die frage die mich Interessiert sind wir jetz schon kurz vorm Ende ? Irgendwie schon oder laut einigen Quellen war das die spitze der oil förderung 1998 und geht seit dem Steil nach unten, aber in der Presse wird sowas offensichtlich verschwiegen.

Jetzt geht mir grade der Satz durch den kopf, das der nächste Krieg mit Steinen und Feuer gekämpft wird.. Den genauen Wortlaut bekomm ich grade auch nicht auf den Schirm aber ich denke ihr wisst was ich meine
Thomas Diener @ 29.05.2010 14:28 CEST
Ein schöner Beitrag, Reto. Hoffen wir , dass der Ruf nach Komplexitätsreduktion weder mit fundamentalistischen Parolen erwidert wird, noch wirkungslos verhallt ...

Mir gefiele die einfache Formel:

- Stoff- und Energiekreisläufe lokal und regional so weitgehend wie möglich schliessen
- Wissen weltweit so weit wie möglich barrierefrei teilen

als Faustregel recht gut.

Die lokalen System dürfen dann auch im hohen Masse angepasst, komplex und eben lebendig sein. Wenn Sie zusammenbrechen gibt es darum herum genügend Ressourcen zur Regeneration, bez. Neubeginn.

Das alles Lebendige einen Verlauf hat (Geburt - Zenit - Verfall), ist ja nicht nur negativ, sondern gehört einfach zu diesem rätselhaften, wunderbaren Phänomen dazu.
Reto Stauss @ 31.05.2010 23:35 CEST
@Thomas: ja, Umwälzungen können leicht auch in falsche Richtungen gehen ...

Localize and virtualize gefällt mir ebenfalls als einfache Formel.

Und Systeme, welche aus reduntanten System bestehen, wie zum Beispiel Holons, machen sehr viel Sinn. Auch wenn wir noch wir davon entfernt sind. Aber wir arbeiten dran, gell :-).
Thomas @ 01.06.2010 14:51 CEST
@ Reto
Localize and virtualize - Super, dass es für alles sofort eine entlische Kurzformel gibt ;-)

Es ist aber vielleicht tatsächlich der kleinste gemeinsame Nenner für ganz viele Bewegungen, die im Moment in die richtige Richtung weissen. Zumindest so lange es "Richtung" und nicht "Absolutes Ziel" heisst.

Vielleicht wird's mal zu einem Parteiprogramm ;-)
Reto Stauss @ 02.06.2010 09:54 CEST
@Thomas: lieber kein Parteiprogramm, das ist der sichere Weg in die Irrelevanz ;-)
Tony @ 23.07.2011 13:53 CEST
Hmm... ich weiß nicht so recht. Ich glaube zum Teil stimmt das, was Du schreibst. Komplexität erzeugt Ausbeutung - ja. Aber es gibt ja auch stabile Gleichgewichtssysteme, die zwar schwanken, aber doch immer um einen Mittelwert herum. Die Frage ist halt, wie wir aus dem heutigen starken Ausschlag wieder behutsam zurückpendeln können, ohne dass dabei gleich alles zusammenbricht.

Einen Vorteil haben wir z.B. gegenüber (genetisch) hochspezialisierten Tieren: unsere eigene kulturelle Evolution kann in Jahren, nicht in Jahrhunderten oder Jahrtausenden, vonstatten gehen. Das macht uns flexibler als "normale" Systeme. Vielleicht geht da ja was...

Grüße,
Tony
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