BlogBilderBücherDossiersSuchenSchlagworteÜberKontakt
Kulturelle Revolutionäre

Kategorien

Schlagworte

Permakultur

Heizen mit Holz

Eigenbau

Barthühner

Selbstversorgung

mehr ...

Zum Thema

Gerne gelesen

.ch Blogger

Login

Wild, nicht warm

Während wir einfachen Gemüter nach den beiden letzten (gefühlten) langen und kalten Wintern die Klimaerwärmung nicht mehr verstehen und uns von der Vorstellung von tropischen Verhältnissen in Kontinentaleuropa verabschieden, ist dieser Hinweis auf die Auswirkung von steigenden Temperaturunterschieden nützlich: wir werden in Zukunft nicht primär wärmeres Wetter bekommen, sondern unerwartete und zerstörende Wetterereignisse nehmen zu. Und dem begegnen wir nicht, indem wir ein bisschen am System flicken (weniger Verbrauch am Eingang, weniger Emmissionen am Ausgang), sondern indem wir uns anders organisieren:

Resilienz; die Kapazität eines Systems, Störungen zu absorbieren und sich während Veränderungen neu zu organisieren

Aber das eigentliche Thema in "An Exergy Crisis" ist nicht das sich ändernde Klima. Sondern Exergie, welche - je mehr erneurbare Energiequellen erschlossen und die fossilen teurer werden resp. abnehmen - zum einem der nächsten Themen werden wird: die Energiekonzentration oder der Teil der Energie, welcher sich nutzen lässt. Beispiel: wohl liefert die Sonne insgesamt mehr Energie als wir momentan verbrauchen, aber nur ein Teil davon lässt dafür verwenden, wofür wir Energie brauchen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft basiert auf hochkonzentrierten Energieformen wie Erdöl, man halte sich nur mal das Transportwesen vor Augen. Dieses auf Sonnenenergie umstellen?

Wenn also diese hochkonzentrierten Energieformen rarer werden, werden wir entweder hochkonzentrieren müssen (was im grossen Stil nachhaltig eher nicht möglich sein wird) oder unseren Lebensstil auf das ausrichten, was die natürlichen Kreisläufe zur Verfügung stellen: Biomasse, Sonne, Wind, Wasser(bewegung). Und menschliche und tierische Arbeitskraft.

Aus der Sicht von uns Industrienationen-Bewohnern, welche Milch und Eier im Supermarkt holen und einmal im Jahr den Tanklaster mit Öl vorfahren lassen, hat dies einen romantischen Anstrich. Mittelaltermärkte und -feste finden nicht umsonst verstärkt Anklang. In der Realität bedeutet dies aber - nebst all den schönen Aspekten körperlicher Tätigkeit - Schweiss und Blut. Wie ich beim Bereitstellen des Stückholzvorrates für zwei Winter, das wir zur Erzeugung von Warmwasser und Heizwärme brauchen (trotz Sonne), wieder einmal feststellen konnte. Am Abend ist man müde, was nicht zuletzt die ganze Online-Welt wieder einmal an die richtige Position setzt: weit hinter all das, was uns hilft, unsere (Grund-)Bedürfnisse zu decken.

Werden wir freiwillig wieder mehr physische Arbeit leisten? Nicht alle sind sind diesbezüglich positiv, in der Geschichte war dies ein "Privileg" Angehöriger niedriger gesellschaftlicher Schichten, aber solange dies mehr mit Freude als Mühsal verbunden ist, könnte es eine Zeit lang funktionieren. Ansonsten werden uns die Umstände zwingen. Mit den warmen Häusern und gefüllten Läden können wir es im Moment noch entspannt angehen.

Ein Weg für Menschen ohne eigene Möglichkeiten zur Lebensgrundlagen schaffenden Betätigungen könnten zum Beispiel freiwillige Einsätze in der eigenen Lebensmittelproduktion leisten. Und natürlich noch vieles anderes ...

Ähnliche Beiträge:
Die vergessene erneurbare Energiequelle
Fünf Anregungen, wie wir unseren Energieverbrauch optimieren können
Kochen mit Gas
Das Experiment wird fortgesetzt
Das Energiezähler-Experiment
Kommentare (7)  Permalink

Kommentare

nbo @ 22.03.2010 00:43 CET
interessanter, wichtiger punkt. besonders hat mir die wertigkeit des internet nach dem holzhacken gefallen ;-) ich fürchte allerdings, dass nicht alle eine andere balance zwischen physischen und geistigen tätigkeiten als gewinn empfinden werden. das mit der romantik erledigt sich schnell.

und darüberhinaus: was machen wir in den großstädten? ich lebe im sechsten stock, in der ferne der hamburger hafen in sicht.

vor drei jahren habe ich mich mal auf die suche nach einem brunnen bei uns im stadtteil gemacht, weil ich mich in einem gedankenexperiment durch die jahrhunderte zurückbewegte und technologien aus meinem tag subtrahierte. irgendwann war eben auch das fließende wasser aus dem hahn dran. es ist wohl keine überraschung, dass ich keinen brunnen gefunden habe (in berlin kenne ich ein paar plätze, die noch öffentliche brunnen haben).

ciao, nbo
M. Wehning @ 22.03.2010 09:26 CET
Der Begriff der "Resilienz" begegnet mir in letzter Zeit häufiger- in unterschiedlichsten Zusammenhängen:
In meinem Beruf- als Sozialarbeiter- etwa bezeichnet er die Fähigkeit von Menschen(oder Systemen)trotz schwieriger Bedingungen (Krankheiten, Lebensumstände, Traumata) _trotzdem_ ein gesundes, erfülltes Leben zu führen. Interessant finde ich daran, dass der Blick sich vom Krankhaften, Problematischen hin zu dem, was weiterhilft, heilt, gut für uns ist, richtet.
Auf das Thema Nachhaltigkeit bezogen: Was kann denn jeder von uns tatsächlich bewegen, beeinflussen, positiv verändern. Ich finde _trotz allem_ eine ganze Menge.
Zum Beispiel finde ich es super, wenn Menschen sich überlegen, wie sie die Dinge ihres täglichen Lebens reparieren können (obwohl es sich ja üüberhaupt nicht lohnt...). Wie sie darüber eine ganze Menge Erfahrungen und Selbstbewusstsein anhäufen, um wiederum hinzuzulernen. Zum Anfangen finde ich Bereiche gut, in denen jede/r etwas kann, z.B. Gärtnern, Computern, Pflegen der eigenen Gebrauchsgüter. Anspruchsvoller werden kann man dann je nach eigenen Neigungen immer noch.
Dieses Gefühl von Lethargie, von "ich armes kleines Würstchen" muss man m.E. aktiv bekämpfen.
Reto Stauss @ 22.03.2010 15:13 CET
@nbo: bezüglich physischer Arbeit gibt es IMHO Potential, welches scheinbar auch noch - zumindest teilweise - im modernen Menschen schlummert: wenn man betrachtet, wieviele Kalorien bei sportlichen Tätigkeiten verbraten werden, dann müsste diese Bereitschaft doch auch für anderes abrufbar sein.

Städte heutiger Ausprägung könnten (nein, werden ziemlich sicher) ein Problem sein für viele Bewohner. Nicht die Ansammlung von Gebäuden und gemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten ist per se ein Problem, sondern eher die Strukturen und Abhängigkeiten, wie wir sie heute haben. Der Hinweis auf die Brunnen scheint mir ein sprechender zu sein ... Städte gab es ja auch vor der "Erfindung" des Erdöls.

Für einen Ansatz in verträglicher Ausprägung halte ich das Konzept in Neustart Schweiz.

@Martin: Resilienz ist die neue Nachhaltigkeit ... jetzt noch aussagekräftig und schon bald ausgelutscht.
M.Wehning @ 22.03.2010 17:55 CET
Stört mich doch gar nicht, Reto: Ich finde es gut, wenn Begriffe auf ihren Wert, die Aussagekraft analysiert (von mir aus auch "ausgelutscht") werden.
Aber über Begriffe verstehen wir nun mal Dinge. "Nicht- resilient" finde ich z.B. die Vorstellung der älteren (?) Generation, wonach sich die Frau um den Haushalt, die Männer um's Geldverdienen zu kümmern hätten.
Durch diesen geduldeten Machismo machen sich Männer wie Frauen abhängig. Wer sich sein Essen nicht selbst kochen, die Wäsche nicht waschen kann oder einen Fahrradplatten nicht selbst repariern kann (neben vielem anderen, der macht sich unnötig unfrei. Resilient in Kurzform ist für mich jemand, der verschiedene Standbeine hat und sich nicht schnell unterkriegen lässt.
nbo @ 22.03.2010 19:16 CET
@reto so manche sportlichen tätigkeiten dienen wohl der eitelkeit, die eine mächtiger triebfeder ist. ob die auch bei praktischen körperlichen aufgaben befriedigt wird, ist so eine frage.

noch mal zu den städten: natürlich gab es schon große städte vor dem erdöl. aber die hatten ja tatsächlich andere struktur, sprich damals wurde nicht motorisiert zwischen kern und peripherie gependelt – ein problem.

dann gab es vor der industrialisierung nur einige wenige riesenstädte im laufe der jahrhunderte. der rest lebte noch in einer engeren beziehung zur agrarwirtschaft im umland. die müsste erst mal wieder aufgebaut werden.

drittes problem: die "dienstleistungsgesellschaft" (postindustrial society nach daniel bell) hat uns in den europäischen innenstädten viele produktionsgrundlagen und -räume weggehauen, auch die müssen erst wieder geschaffen werden.

ich glaube schon, dass das alles geht, und es ist auch nötig. aber es wird ein gewaltiger akt. erst recht müssen dafür politische strukturen umgebaut werden, denn so wie die großstadt-demokratien jetzt laufen, behindern sie diese veränderung eher. kann man zurzeit gut an hamburg studieren. das ist alles noch auf fossilen neoliberalismus ausgelegt.
Reto Stauss @ 22.03.2010 21:28 CET
@nbo:
> der rest lebte noch in einer engeren beziehung zur agrarwirtschaft im umland. die müsste erst mal wieder aufgebaut werden.

Wir sind dran, wir sind dran :-)

> die "dienstleistungsgesellschaft" (postindustrial society nach daniel bell) hat uns in den europäischen innenstädten viele produktionsgrundlagen und -räume weggehauen

Die paar Lofts sind doch schnell ausgeräumt ... "leider" werden die Industriebrachen tatsächlich immer weniger, was uns wahrscheinlich einmal leid tun wird. Dann muss nämlich nochmal umgebaut werden.

> aber es wird ein gewaltiger akt

Absolut einverstanden. Und bisher gibt es keine erkennbaren Beeinflusser und Entscheider, welche in diese Richtung arbeiten. Der Leidensdruck wird noch stark steigen müssen.
Reto Stauss @ 24.03.2010 07:21 CET
Gerade über einen Artikel im Beobachter gestolpert: Die Retter der Industrie-Nation (siehe auch ISIS), in welchem es genau um die Erhaltung von Technologien und Standorten aus der (frühen) Industrialisierung geht. Was ich im Sinne von Schumachers angepassten Technologien für sinnvoll halte.
Keine (weiteren) neuen Kommentare erlaubt.