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Angemessene, mittlere Technologien: der Versuch einer Einordnung

Gast-Beitrag Dies ist ein weiterer, feiner Gastbeitrag von Martin Wehning. Das Text bezieht sich auf ein Interview hier und passt wunderbar, weil es einerseits strategischen Konsum thematisiert und zugleich mit einem Begriff verbindet, welcher mich (Reto) andernorts stark beschäftigt.

Der Begriff der „mittleren Technologie“ hat etwas merkwürdig Irritierendes: Warum bitte schön sollen wir uns mit „mittleren“ beschäftigen, wo wir es doch seit Jahrzehnten gewohnt sind, „High Tech“ zu bekommen? Ist das nicht so als ob wir uns mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben, obwohl wir Höchstleistungen erwarten?

Eine Annäherung - wie ich finde - bietet das Wort „angemessene Technologie“ (im englischen „appropriate technology“). Es geht also um das richtige, den jeweiligen Bedingungen und individuellen Bedürfnissen angemessene Maß.

Das heißt, ein Produkt ist nicht an und für sich gut, qualitativ, hochwertig. Das wird es erst im Zusammenspiel mit den Nutzern, die entsprechend mit dem Produkt umgehen.

Selber bin Ich zum Beispiel technisch nicht besonders versiert. Was also soll ich mit einem Handy, dem eine daumendicke Gebrauchsanleitung beigelegt ist: ich habe keine Lust, ich habe keine Zeit und ich habe nicht die Nerven, mich in die 1000 Möglichkeiten dieses „Wunderdings“ einzuarbeiten. Mit einem Telefon (ich weiß, schrecklich altmodisch) möchte ich telefonieren - und nur das. Und ein Auto, das mit Elektronik ausgestattet ist, die ich nicht brauche, erzeugt bei mir körperliche Abneigung.

Ein Thema übrigens, das den Ulmer Designer Otl Aicher sehr interessiert hat: Wieso muss eine Tür bei bestimmten Gebäuden fünf Meter hoch sein, wer will uns durch solche Tricks imponieren, klein machen? Ein faschistisches Bauwerk mit einem Mittelklassewagen zu vergleichen erscheint vielleicht provokativ.

Aber die Aussage, auf die ich hinaus möchte, ist folgende: Bei Anschaffungen macht es Sinn, erst mal über die eigenen Bedürfnisse nachzudenken. Was genau möchte ich/ brauchen wir eigentlich. Und erst dann folgt die Überlegung, auf welche Weise, mit welchem Produkt dies Bedürfnis am sinnvollsten gestillt werden kann.

Die Auseinandersetzung mit Kaufentscheidungen wird dadurch aufwendig, manchmal anstrengender. Wir kaufen/ konsumieren letztlich weniger. Das Gefühl der Selbstbestimmung jedoch im Vergleich zur Verdummung durch manipulierende Werbung lässt sich mit Geld nicht bezahlen.

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Kommentare (3)  Permalink

Kommentare

Lisa @ 04.03.2009 10:38 CET
Auseinandersetzung, das Evaluieren der wirklichen Bedürfnisse und die Folgerung daraus – ob Kaufverzicht oder der Kauf eines bedürfnis-angepassten Objektes verlangsamt Konsumentscheide wesentlich – sicher kein schlechter Zug in dieser Raschraffzeit. Und: Ich nehme nicht an, dass die Mitglieder der Multioptionsgesellschaft (Peter Gross) zufriedener sind – aber: das gängige Motto ist doch vielerorts, grundsätzlich einfach mal alle möglichen Optionen buchen… dann hab ich alles, man weiss ja nie. Kürzlich beobachtet: Ein vom Leben gezeichneter Mann will offensichtlich eine Armbanduhr kaufen. Mit zwei Modellen steht er an und will sich an der Kasse etwas erklären lassen. Beim zweiten Modell erklärt die junge Verkäuferin dem Mann, dass er auf diese Uhr auch Musik downloaden könne. Der Mann schaut die Frau an und fragt in gebrochenem Deutsch: „Was? Musik? Hier?“. Er schüttelt den Kopf und verlässt das Geschäft.
Manufaktur in Gründung @ 05.03.2009 11:58 CET (Trackback)
Martin Wehning, geschätzter Gastautor auf meinemBlog nachhaltigBeobachtet, macht sich in "Angemessene, mittlere Technologien: der Versuch einer Einordnung" Gedanken über das Phänomen, dass Produkte heute vielfach technikgetrieben
Thialfi @ 07.03.2009 19:19 CET
Die Kaufentscheidungen werden heute wohl am meisten von durch die Werbung provozierten Impulsen beherrscht und nicht von der Notwendigkeit. Besonders schön erkennt man das am Beispiel Handy, wo ich es genauso halte wie Reto. Ich will mit dem Teil telefonieren, sonst nix und da es kaum noch ein Handy ohne Foto gibt, kann ich auch damit noch leben. Aber was soll der sch..ss mit Blackberry oder Internet to go und so nem Schwachsinn? Auf den bescheuerten Displays kannst Du doch sowieso nix erkennen. Hast Du die fuffzig mal erreich, so wie ich fast, kannst Du trotz Lesebrille kaum die eingetippte Nummer sehen, geschweige denn eine Internetseite.
Was ist denn angemessen? Eigentlich sollte das jeder für sich entscheiden können. Aber kann er das wirklich? Nee! Wenn Du ein Handy willst, mit dem Du nur telefonieren kannst, weil Du nur telefonieren willst, musst Du in ein Technikmuseum gehen. Die industrie lebt doch vom schnellen Modellwechsel. Ist der Markt übersättigt, muss sie (so meint sie) wieder was neues auf den Markt werfen, um verkaufen zu können. So verkam das Handy (is eben ein gutes Beispiel) zum reinen Modeaccessoir und das hat nix mit angemessener Technik zu tun, sondern mit:"Ey sieht gut aus der Teil, den kauf isch misch!" Und weil allso die Handys nach wie vor über die Theke gehen, behauptet die Industrie, der Kunde will die ganzen Funktionen haben, sonst würd er die Dinger ja nicht kaufen! Und so dreht sich die Spirale aus Technik-Overkill und Funktionalität immer in die Richtung mehr Funktionen, edleres Aussehen und höherer Preis!
Und ich meine, Nokia muss ja schließlich auch von irgendwas leben. Oder Sony-Ericsson, oder Motorroller oder was auch immer.

Liebe Grüße sendet Thialfi
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