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Im Gespräch: Bernd Schreiner

Bernd Schreiner, auch bekannt als Burnie, hat kürzlich festgestellt, dass er seinen 1000sten Beitrag auf der Plattform für strategischen Konsum Utopia geschrieben hat. Der Über-Utopist ist Red und Antwort gestanden.

Portrait Bernd SchreinerBitte erkläre kurz, wer Du bist und was Du machst.
Ich bin ein Mensch, lebe auf dieser Erde :) ... und versuche seit langem Dinge anders anzugehen, als es viele gewohnt sind. Wirklich kurz kann ich das nicht zusammenfassen.

Ein Versuch, wenn auch unvollständig: ich bestreite ein relativ einfaches Leben, konsumiere wenig, und bezeichne mich aber selbst nicht mit einen dieser  "neumodischen Begriffen", wie LOHAS, etc. Dann fahre ich gerne und häufig Rad (von Rennrad bis MTB) zum Spass, aber nutze es auch als Fortbewegungsmittel und Autoersatz, ich bin verheiratet, habe 3 Kinder und lebe seit 12 Jahren in einem kleinen Dorf im ehemaligen Sperrgebiet zwischen Ost und West in Südthüringen.

Ich bin seit 1988 selbstständig im IT Bereich und nun seit 10 Jahren auch als freier Architekt tätig. Die Ausbildung zum Baubiologen habe ich gegen Ende des Studiums angefangen. Jedoch verbringe ich mein Leben weder am Computer, noch die ganze Zeit im Büro, sondern arbeite viel an der Sanierung des denkmalgeschütztem Dreiseithofes hier, den wir leider ohne die zugehörigen Ackerflächen gekauft haben. Dabei verwenden wir überwiegend Naturbaustoffe und selbst hergestellte Sachen. Und dann gibts noch tausend weitere Dinge ...

Wie bist Du zu Utopia gestossen?
Von Utopia habe ich durch einen Radiobeitrag im dlf erfahren. Sie hatten eine Baumpflanzaktion für die ersten 5000 Mitglieder verkündet und das mit den strategischen Konsum. Das klang interessant, auch weil WasserundErde.de grad praktisch in die Internetwelt eingetreten ist, nachdem die Sache mit dem Walderhalt in Argentinien geregelt war.

Da bin ich dann mal auf die Webseite und hab mir das Ganze angesehen, gerade weil es laut dem Beitrag um kritischen Konsum und dessen Macht ging, den ich ja seit geraumer Zeit propagiere. Das war im November 2007 und da war Utopia noch lange nicht so fassbar wie heute.

Auf welcher Motivation basiert Dein Engagement für die Plattform der strategischen Konsumenten?
Motivation ist schwer zu benennen. Man gewöhnt sich an Utopia, ich habe es fast von Anbeginn der öffentlichen Phase mit entstehen sehen. Manchmal nervt Utopia ungemein, manchmal macht´s wirklich Freude, bringt mich zum Lachen. Meine Energie und produktive Zeit fliesst jedoch nicht in diese Plattform.

Schön ist, dass man ähnlich denkende Menschen kennen lernt und einige davon nun im echten Leben schätzen gelernt hat. Auch sind die Einblicke in die Gedanken andere kritischer Menschen interessant, es gibt tolle Beiträge dort. In meinem realen Umfeld ist es ja etwas schwierig, die Menschen hier sind lange noch nicht so weit. Aber daran arbeite ich ;)

Ich trenne inzwischen auch zwischen deren Webseite und dem Forum, das sind zwei paar Schuhe.

Inwiefern?
Na, weil es ganz unterschiedliche Qualitäten hat, z.B. der Produktebereich von Utopia ist ja nicht sehr strategisch bezüglich dem gesamten Öko- / Nachhaltigkeitsgedanken.

Irgendwelche unnötigen Konsumgüter und Livestylezeug, was da schon kam, unterscheidet sich doch irgendwie vom Charakter sehr von der "Kernmannschaft" im Forum, die da sehr viel grössere Ansprüche hat, als nur "in" zu sein oder etwas Smalltalk zu pflegen.

Das erste derartige Teil war, glaub ich, ein "Hühnerhaus".

Wieviele Stunden investierst Du?
Kann ich schwer sagen, manchmal mehr, manchmal weniger. Meist Abends, wenn andere vorm TV sitzen oder nachts auf Kosten meines Schlafes, wenn hier alle anderen schon im Bett sind ... und im Winter mehr als im Sommer. Letzten Sommer war ich wochenlang kaum auf der Plattform, ich hatte keine Zeit dafür und die wenigen Blicke ins Forum zeigten ein etwas banales Niveau. Das spar ich mir dann gerne. In Stunden kann ich es so nicht sagen, ausser, dass es summiert sicherlich zu viele waren, in denen ich besser ein Buch oder so geschrieben hätte ;)

Was denkst Du, dass Deine Beiträge bewirken?
Sie frustrieren sicher manchen Lobbyisten, der dort versteckt auftritt :).

Das ist gut, denke ich. Vieles muss ganz einfach, ganz klar gesagt werden, wie die Sache mit dem Verheizen von Strom [Anm.d.R.: es ging unter anderem um Infrarotheizungen und Wärmepumpen]. Da bin ich dann sicher auch etwas notorisch und das mit voller Absicht. Da will ich auch gar nicht so theoretisch ausgereift formulieren, wie manch andere das wirklich gut tun. Das hat sicherlich schon etwas gewirkt und manche Stromheizung verhindert.

Und durch Anfragen per E-Mail habe ich erfahren, dass sich doch immer mehr Menschen für Alternativen wie solare Wärme, Schilfbeet und Kompostklo interessieren und direkt nachfragen, wie was geht, oder was man tun kann. So werde ich damit nicht die Welt verändern, alleine sowieso nicht. Aber sie sind ein Multiplikator, der helfen kann und dafür ists gut.

Utopia ist ein Unternehmen - wohl mit hehren Zielen -, welche aber schlussendlich Geld verdienen will und muss. Es profitiert und lebt massiv von Mitgliedern wie Dir. Stimmt für Dich die Balance zwischen Geben und Nehmen?
Ich weiss nicht, was sie mir geben, ausser den Raum im Web, den ich jedoch auch woanders finden könnte oder den meine Webseite ebenso bietet, auch wenn er bisher nicht öffentlich ist, wie das Forum und Wiki von WasserundErde.de. Ich gebe ihnen natürlich was, das sind aber Dinge, die ich auch im Reallive gebe, dann meist detaillierter, persönlicher und sicher auch wertvoller, wenn auch nicht nur gegen Rechnung, wie es mein Job vermuten liese. Es geht ja um mehr ...

So bin ich seit den ersten Wochen immer wieder sehr kritisch in Bezug der Frage, ob Utopia nicht eine reine Web 2.0 Werbeplattform ist für Zielgruppen-orientiertes Marketing oder sogar Social Engineering. Dazu habe ich auch einiges schon geschrieben, ein Teil davon wurde gelöscht, aber seit Martin Brem dabei ist, ist mein Gefühl besser, wenn auch noch nicht gut. Liegt vielleicht dran, dass ich ihn kurz kennen gelernt habe. Ob ich mit diesem Gefühl richtig liege.. sicher bin ich mir bis heute nicht.

Geld verdienen ist ja nicht schlecht, auch ich würde gerne mit WasserundErde.de soviel umsetzen, dass da irgendwann mal ein paar Leute davon leben könnten und dafür dort die notwendige Arbeit leisten und die Kosten reinkämen... Die Frage ist eher, von was macht man sich abhängig und wessen Lied man dann singt. Ich bin unabhängig, das ist mir wichtig.

Da bin ich für mich oft kompromisslos, auch leider immer wieder zu meinem Nachteil. Es ist halt aber so, wenn man nicht im Strom mit schwimmt. Und ob Utopia nur ein Köder der Grossen für die kritischen Fische ist, wird letztendlich die Zukunft zeigen. Es ist ein Anfang, es kann die Initialzündungen sein, um etwas Grösseres zu starten und dann selbst auch unwichtig werden. Um dieses Grössere gehts mir im Hinterkopf.

Neben Deinem Engagement für Utopia bist Du selbstständiger Architekt und Baubiologe und betreibst ein Wiederaufforstungs-Projekt. Profitieren diese Tätigkeiten von der Reputation, welche Du Dir auf Utopia erarbeitet hast?
Nein, bisher nicht. Gar nicht. Es wäre schön und auch sicher nicht zu verachten, doch der "Werbeeffekt" ist fast gleich Null. Für Wasser und Erde gab es ein paar Anfragen, genau 4 Beteiligungen von Utopisten und wenn ich mir die Logfiles der Webseite ansehe, kommen nicht mal 2% der Klicks über Utopia. Auch geht es im Moment bei WuE um Walderhalt, auch wenn die Wiederaufforstung irgendwann sicher auch Thema sein wird.

Auch der Architekturbereich und Baubiologie haben keinerlei Aufwind durch Utopia erfahren. Ist auch nicht so einfach, denn die Utopisten sind ja weit verstreut und ich lebe nicht nahe der Ballungsräume. Ich denke es ist an der Zeit ein übergeordnetes Netzwerk zu bilden, der Menschen untereinander, der Projekte miteinander. Auch wenn wir nicht alle den selben Weg gehen, sollten wir doch zusammen eine Richtung einschlagen.

Wenn ich den Grundtenor in Deinen Beiträgen auf Utopia richtig interpretiere, dann reicht strategischer Konsum aus Deiner nicht nicht aus, damit wir als Gesellschaft die Kurve kriegen. Was braucht es sonst noch?
Da interpretierst du richtig, Reto. Ich bin ja oft auch für Konsumverzicht. Ganz klar. Wir müssen auch komplett umsteuern, mit fast allem, das für uns so "Standard" geworden ist. Die nötigen Veränderungen beginnen bei der Infrastruktur, dem Verkehr, der Produktion, Ver- und Entsorgung, um die praktischen Dinge zu nennen. Seit der Konferenz in Berlin und den Beiträgen von Professor Braungart zu Müll und Co. ist das ja auch bei Utopia etwas zum Thema geworden. Die Story-of-Stuff kam wieder hoch und Abwasser, Müll, Phosphat sind ja auch Themen wegen denen WasserundErde.de entstanden ist.

Ich beschäftige mich seit langem mit diesen Dingen. Ich lebe selbst seit 12 Jahren mit Kompostklo, Schilfbeet, solarer Energie und hatte eben gute Gründe dafür, es hier anders zu machen. Nur so weiss ich, wies im Alltag geht. In diesem Bereichen muss sich sehr viel ändern. Vieles muss auch wieder einfacher werden, nachvollziehbarer und dabei einfach "besser". Es muss wieder mehr bei den Menschen selbst, dezentral, also lokal gemacht werden.

Jede "Chance", also eigentlich jeder investierter Euro müsste daraufhin überprüft werden, denn es sind enorme Werte, die umgebaut werden müssen. Das geht nicht auf einmal.

Dazu habe ich hier 1998 lokal eine Umweltinitiative gegründet, um dann zu erkennen, dass lokale Beschäftigung nicht hinreichend ist. Das hat sicherlich auch viel mit der globalem Verschiebung seit dem Jahr 2000 zu tun. Die Schwellenländer sind da ein entscheidender Faktor.

Und da haben wir 80 Mio Deutsche einfach eine besondere Rolle, ohne dass mir da die Nationalität wichtig wäre ... wenn wir als Gesellschaft hier einen Weg einschlagen, werden es uns viele nachmachen, da bin ich mir sicher. Leider gibt es bisher viel zu viele professionelle Verhinderer.

Im Moment wird das ja alles zu einer Art Mode und somit bekommen die Themen auch die Chance, breit kommuniziert zu werden.
Das ist vermutlich ein Anliegen, weshalb ich bei Utopia schreibe.

Was liegt Dir am Herzen?
Meine Familie, meine direkte Umwelt, die Zukunft und diese Erde.

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Kommentare (1)  Permalink

Kommentare

Manuel @ 18.12.2008 12:01 CET
Ein sehr schönes Interview mit interessanten Fragen, bzw. den Antworten darauf!
Was die "Konvertierung" von Utopia zu eigenen Projekten angeht, kann ich die Erfahrung von Bernd bestätigen. Es ist in meinen Augen auch einfach zu sehr "walled Garden", aber das sind sogenannte Social Communities ja immer.
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