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Wir Klimaschwätzer. Oder die verdammten Schweizer Miesmacher.

Liegt es an den Bergen? Oder an der UBS (welche kein Image-Problem hat)? Oder dem Gold-gefüllten Tresor im Keller eines jeden Eidgenossen? Die Rosinenpicker und Spassbremsen im Zentrum und doch ausserhalb Europas scheinen den calvinistischen Hang zur Askese mit masochistischem Vergnügen zu pflegen: der Untergang ist nah und wir entgehen ihm nur in Sack und Asche.

Und alle, welche immer noch auf den technologischen Ausweg aus der Misere hoffen (selbst bei Boeing ist sie noch nicht gestorben): jede Verbesserung, jede Effizienzsteigerung, jede Einsparung scheint uns dazu zu animieren, noch mehr zu verbrauchen. Dies führt Marcel Haenggi in "Wir Schwätzer im Treibhaus" auf den sogenannten Rebound-Effekt (den kennen wir doch irgendwoher ...) zurück:

  • Das Ersetzen der Kohlenstoff- mit Wolframfäden in Glühbirnen führte zu einer viermal besser Lichausbeute, hat aber dazu geführt, dass Kunstlicht breite Anwendung fand.
  • Einsparungen beim Heizen durch optimierte Dämmung, wie es ja heute mittlerweilen en vogue ist, wirkt klimaschädlicher als zum Fenster raus heizen, wenn das eingesparte Geld in Autos und Urlaubsflüge investiert.
  • Oder der Verkehr: optimierte Verkehrswege und -mittel führen nicht zu einem Minder-, sondern einem Mehrverbrauch, einfach weil das Angebot besser und günstiger wurde. Und das Ersetzen des indiviudellen Autoverkehrs durch öV ist zwar nett, aber auch dieser nimmt ständig zu. Abgeshen davon werden mit der heutigen Mobilität die gleichen Bedürfnisse wie vor 50 Jahren abgedeckt: Arbeitsweg, Einkauf, Freizeitgestaltung, Urlaub.

Haenggi stellt fest, dass Al Gore unter anderem ein Schwätzer sei, weil der westliche Lebensstil grundsätzlich nicht hinterfragt werde. Weder die 2000 Watt-Gesellschaft noch die halbherzigen CO2-Reduktions-Bemühungen können helfen, sondern nur radikale Einschnitte: der Ausstoss klimawirksamer Gase müsse bis 2050 pro Kopf um bis zu 90 Prozent zurückgehen.

Und es gibt nur einen Weg dorthin: nicht die Sparlampe mit Ökostrom anknipsen, sondern die Lampe gar nicht einschalten. Und der beste Verkehr ist derjenige, der vermieden wird. O-Ton im Interview auf fairunterwegs:

Aus Sicht des Klimas wäre es also zentral, weniger zu arbeiten, weniger zu verdienen und damit auch weniger zu konsumieren.

Strategischer Konsum ist nur das Botox im Gesicht der alten Wirtschaftsschlampe, die besser bald tot umfällt. Das System braucht kein Lifting, sondern ein Begräbnis. Und nochmal zum Mitschreiben: die Lebensqualität hängt nicht vom Lebensstandard ab. Peak Konsum wird bald erreicht sein, freiwillig oder nicht. Wir könnten uns ja schon jetzt mal ein bisschen damit beschäftigen, was wir dann mit der vielen freien Zeit anfangen ...

Weitere Beiträge:

[Nachtrag] Bei Heise gibt es einen Auszug aus dem Buch: "Das Problem mit dem Rebound".

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Kommentare (14)  Permalink

Kommentare

tin @ 01.12.2008 09:36 CEST
Mit dem bloggen wird dann auch fertig sein - denken Sie mal nach, wieviel Energie für das Internet verschwendet wird.

2005 waren es nur für Server 123 Milliarden Kilowattstunden - bis 2010 erwartet man eine Steigerung um 75 Prozent. Und in dieser Rechnung sind die Endverbraucher nicht eingerechnet.
Michael Maag @ 01.12.2008 13:33 CEST
Starker Tobak, alle Achtung.
Aber den Finger richtigerweise auf die Wunde gelegt: Wir können Einsparpotentiale nutzen und Effektivität steigern wie wir wollen, wir verbrauchen dann immer noch mehr, als unsere Erde verkraftet.

Ein Umdenken und eine tatsächliche Reduzierung statt einer Verschiebung durch Rebound-Effekt wird es m.E. nur geben, wenn die tatsächlichen Kosten für Umweltverschmutzung und Zerstörung durch Produktion und Konsum konsequent dem jeweiligen Erzeuger auferlegt werden.

Bisher leben wir auf Pump von den Ressourcen der Welt. Die Gewinne der Ölmultis, der meisten Hersteller usw. werden über die niedrigen Energiepreise auf Kosten der Natur gemacht.

Ziel muss es sein, die Biokapazität unserer Erde nicht zu überschreiten. Ich überprüfe mich über den ökologischen Fußabdruck, den es z.B. hier online oder zum ausdrucken gibt.
Peter @ 01.12.2008 21:47 CEST
@tin: man könnte ja statt dessen diverse Fernsehsender dicht machen und die Leute halbieren oder vierteln ihren Fernsehkonsum (das bedeutet auch eher einen Gewinn an Lebensqualität), dann wäre auch wieder Energie fürs Internet da.

Ansonsten: Du sprichst mir aus der Seele, Reto, das ist auch genau meine Meinung. Die Ressourcenverschwendung, um "unseren" Konsumlevel zu halten oder noch anzufeuern (Werbung!) ist gigantisch...
tin @ 01.12.2008 22:27 CEST
@Peter
Hmm, da sind wir wieder im Muster: "Die anderen sollen bitte (auch), nicht ich..."
Peter @ 01.12.2008 23:39 CEST
@tin: Naja, ich meinte halt, dass Internet deutlich mehr Nutzen hat als Fernsehen, von daher wäre das ein Tausch mit positivem Wert. ;-) Meinen Fernseher versuche ich ja in den letzten Jahren schon möglichst selten anzumachen - bei meinem Computer und dem Internet ist das schwierig, da ich damit mein Geld verdiene... Aber natürlich wäre auch hier noch "Einsparpotential" - einfach mal ein paar Websites weniger durchlesen und dafür dann ein Buch zur Hand nehmen.

Gibt es eigentlich Statistiken, wie klimaschädlich Internetsurfen ist...?
Peter @ 01.12.2008 23:45 CEST
Ach ja, im Greenpeace Magazin 6/07 gab es auch einen Beitrag "Stromfresser Internet - Verbrauch lässt sich halbieren":

http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=2548
Dieter @ 02.12.2008 04:44 CEST
Hi Reto
Auch mir sprichst du aus der Seele. Ich bin sogar sehr erstaunt, nicht der einzige Schweizer mit einer solchen Weltsicht zu sein.

Das Web braucht meines Erachtens nicht so viel Energie wie andere Gewohnheiten.
Klar, die ganzen Server verschwenden eine Menge Energie. Aber es ginge auch anders. Ich hab hier eine Webcam mit eigener IP. Sie besitzt eine Speicherkarte und etwas Ram, darauf läuft linux. Ich kann manuell eine statische Website auf die Karte kopieren, und schon hab ich hier einen dedicated Server am Start, zwar kein PHP oder MySQL usw. aber hey - und das Ding frisst maximal 5 Watt. Das war nur ein Beispiel. Verglichen damit sind die Serverfarmen tatsächliche extreme Stromfresser. Die haben mitunter speziell leistungsfähige Netzteile... Ich frag mich, wieso ein Server mehr Strom braucht als z.B: ein Grafikrechner.

Aber zurück zu Pudels Kern. Ich denke, abgesehen von der schmerzfreien Senkung der Bevölkerungsdichte über einige Generationen sollten wir Menschen wieder zu wahrer Zufriedenheit finden. Dazu braucht es nicht viel: Eine sichere Existenzgrundlage und etwas soziale Kontakte reichen da schon. Aber in unserer Leistungsgesellschaft haben die wenigsten eine gesicherte Existenzgrundlage. Jedenfalls betrachte ich den Sozialstaat nicht als solches. Deswegen auch die ständige Angst von jedem, plötzlich unterzugehen.

Selbstversorgung halte ich für einen Ausweg, aber nur, wenn der Staat einen machen lässt. Das ist leider nicht immer gegeben. Möglicherweise von der Obrigkeit gar nicht erwünscht, ist doch die Unzufriedenheit der Massen der massgebliche Motor des Wirtschaftswachstums und des Strebens nach finanzieller Macht.

Das ganze Kartenhaus lebt quasi von der Gier der Unzufriedenen, ihren Frust zu kompensieren.

Gerade hier in der Schweiz ist die Situation total hoffnungslos für Habenichtse. Ich würde gern ein kleines Stück Land besitzen, eine einzige Hektare oder so. Das würde mir reichen zum Leben. Kostet aber 100 Tausend Euronen, und gebaut werden darf darauf nicht mal ein Gartenhaus. Diese Dimensionen sind einfach pervers.
Ohne Bankkredit kauft hier keiner ein Haus, rein schon steuertechnisch. Daraus resultiert eine breite Schuldknechtschaft. Manch einer verliert dann irgendwann den Job, dann das Haus (Gruss an die Bank) und darauf die Familie.

Es war 1848, als die Schweizer Revolution stattfand, alles Agrarland in den Besitz der unmittelbaren Bewirtschafter überging und die Besitzer (Landvögte und Pfaffen) aus dem Land gejagt wurden. Heute sehen sich die Bauern aber eher als Profiteure des Niedergangs. Einerseits betrachten sie ihren Landbesitz als quasi in Stein gehauen, andererseits kassieren sie horrende staatliche Subventionen. Ich bin aber der Meinung, das Land, das 1848 enteignet wurde, gehört nicht wirklich ihnen, sondern dem Schweizer Volk.

Aber die Schweiz als Agrarland - kannste eh vergessen. Die Uhr lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Hier kostet eine Monatsmiete für ein Haus oftmals mehr als der Kaufpreis eines ähnlichen Hauses in anderen Ländern...

Mann, ich laber hier rum... auf ein andermal!
Reto Stauss @ 02.12.2008 09:42 CEST
@tin: ja, das Internet braucht auch eine Menge Energie. Beim Heizen des Hauses heute morgen ist mir bewusst geworden, dass unsere Unbewusstheit eben auch ein grosser Teil des Problems ist: Holzscheit für Holzscheit habe ich den Herd gefüllt. Wir würden bewusster mit Energie umgehen, wenn uns der Verbrauch ähnlich deutlich wäre.

Warum nicht eine Art virtuelles Energiescheit entwickeln, das einer Energieeinheit entspricht, welche dann eben zum Beispiel für Internetgebrauch, Licht, Kochen oder was auch immer eingesetzt werden kann. Je nach Herkunft (erneuerbare, nicht erneuerbare Quellen) könnte dies auch anders aussehen.

@Michael: mal abgesehen davon, dass jeder Fussabdruckrechner ein anderes Resultat ausspuckt und oft nicht auf die persönliche Lebenssituation anpassbar ist: das geht ins gleiche Thema wie oben: bewusst werden, welche Auswirkungen der eigene Lebensstil hat.

@Peter: bezüglich Fernseher => "Der einfache Weg, um das Klima, überhaupt die Welt zu retten und glücklich, schlank und reich zu werden"

@Dieter: leider kann man den "anderen" nicht sagen, wie sie zufrieden sein sollen. Nur selber zufrieden sein.
Reto Stauss @ 02.12.2008 09:57 CEST
@Dieter: noch was: man muss Land nicht unbedingt besitzen, wenn man es nutzen will. Es gibt genug Brachflächen in Stadt und Land, welche gepachtet oder wenigstens genutzt werden können.
Stephan @ 02.12.2008 19:49 CEST
Schön geschrieben,

Es gibt ja das Modell der Halbtagsgesellschaft. Ich habe mal darüber berichtet.
Thinkabout @ 02.12.2008 21:59 CEST
Ich behaupte: Die meisten Menschen könnten, wäre es ihnen entsprechend frühzeitig wichtig, sich so einrichten, dass sie ab der Lebensmitte höchstens 50% arbeiten - und wenn die Glückssuche daraufhin nicht so viel Geld kosten darf, ist sie garantiert erst noch erfolgreicher.
Horst @ 03.12.2008 02:08 CEST
>>Aus Sicht des Klimas wäre es also zentral, weniger zu arbeiten, weniger zu verdienen und damit auch weniger zu konsumieren.<
Horst @ 03.12.2008 02:11 CEST
Argh... da oben fehlt was. Ich sollte wohl besser nciht mit zu vielen spitzen Klammern arbeiten.

"Juhu, ich bin Klimaschützer.
8-)"

sollte da noch kommen. 8-)
Ralf @ 08.12.2008 08:44 CEST
wie es im Moment so aussieht, wird aus den vielen "Klimaschwätzern" zwangsläufig handlungsfähige Menschen werden. Für den einen sieht es pessimistisch und schlimm aus, die anderen sehen also extrem positiv in die Zukunft :)

Es wird so werden, wenn nicht freiwillig, dann eben zwangsläufig. Das alte System ist am Sterben und die letzten Symptombehandlungen werden wie bei normalen Krankheiten nicht die Krankheit zu heilen vermögen.
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