BlogBilderBücherDossiersSuchenSchlagworteÜberKontakt
Kulturelle Revolutionäre

Kategorien

Schlagworte

Permakultur

Heizen mit Holz

Eigenbau

Barthühner

Selbstversorgung

mehr ...

Zum Thema

Gerne gelesen

.ch Blogger

Login

Über den Wert von Dingen

Auf der Baustelle ist mir aufgefallen, welche Anreize unser Wirtschaftssystem schafft. Das Teuerste am Bauen - aber das gilt auch allgemein - sind menschliche Arbeitsstunden. Deswegen ist jeder Handwerker bemüht, möglichst rasch und effizient zu arbeiten. Material auf anderen Seite macht nur noch einen relativ kleinen Teil der Kosten aus, da immer mehr bereits halbfertig oder ganzfertig aus industrieller Fertigung stammt. Dadurch hat es wenig Wert, weil es günstig und hochverfügbar ist.

Das führt dazu, dass entsprechend grosszügig damit umgegangen wird: Resten werden eher weggeworfen als verwendet, provisorisch eingeschlagene Nägel lässt man fallen, heruntergefallene Schrauben werden nicht aufgehoben. Es lohnt sich einfach nicht, Zeit zum Aufbereiten, Sortieren und wieder Ablegen aufzuwenden.

Massenproduktion hat uns einen Lebensstandard beschert, in welchem es uns nicht nur an nichts Materiellem mangelt, sondern sogar ein solcher Überfluss vorhanden ist, dass wir Dinge lange vor ihrem funktionellen Ableben wegwerfen. Wir sind soweit, dass uns eine absatzsuchende und bedürfniserzeugende Industrie sagt, dass wir Kleider in immer kürzeren Perioden wechseln müssen (genannt Modetrends). Oder Möbel sind heute so günstig, dass wir ohne Bedenken eine Wohnung nach wenigen Jahren komplett neu einrichten, weil die Farbe oder der Stil nicht mehr passt.

Schrauben

Quelle: "verschraubt" von smagrodorna
auf piqs.de

Irgendwann habe ich dann eine Schraube im Baustaub aufgehoben und sie näher angeschaut. Eigentlich eine simple Sache, ein Kopf mit einer Hohlform, um ein Werkzeug zum Anziehen ansetzen zu können und ein schlanker, spitz zulaufender Zylinder mit Gewinde. Aber was wäre, wenn ich so ein Ding selber machen müsste? Nur schon am Material würde ich scheitern, geschweige denn an der Form. Gespiegelt an den eigenen Möglichkeiten kriegt so ein Ding, das für wenige Rappen (nein, nicht die Pferde) erhältlich ist, plötzlich einen anderen Wert, welchen wir viel zu oft mit dem Preis verwechseln.

Nur weil ein Massivholztisch in Eiche bei einem schwedischen Einrichtungshaus wenige hundert Franken kostet, heisst das noch nicht, dass er zu einem Gegenstand geworden ist, welcher wie ein Unterhemd gewechselt werden sollte. So ein Tisch wurde vor noch nicht langer Zeit (und auch heute noch) in aufwändiger Handarbeit erstellt und nicht selten über Generationen weitergegeben. Weil er wertvoll war.

Kommentare (7)  Permalink

Kommentare

Ralf @ 20.11.2008 07:49 CET
also ich hab mit den Kindern schon Nägel gerade geklopft... Das hat zusammen richtig Spaß gemacht. Im ökonomischen Sinn ist das natürlich der Wahnsinn. Doch wer gelernt hat, nicht immer auf das Geld zu schauen, wird dabei schnell feststellen, welchen Wert die Dinge bekommen können. So ein recycelter Nagel ist nicht nur für Kinder dann unglaublich wertvoll, von dem Erlebten gar nicht zu reden.

Andererseits wird den Dingen ein zu großer Wert zugeschrieben. Ein Tisch ist eben ein Tisch, ob nun vom Billigmöbelmarkt, Sperrmüll (da gibt es immer wieder gute Sachen) oder Designerstück. Da ein Tisch lediglich die Funktion hat, dass man Sachen nicht auf den Boden stellen muss, ändert sich auch an einem neuen Tisch nichts. Also tut es der Alte doch noch solange, bis er seine Funktion nicht mehr erfüllen kann. Danach besorgt man sich einen, von dem man den Eindruck hat, dass er praktisch ist und lange hält.

Einfacher hat man es dann, wenn man nicht erst gar nicht so viel mit materiellen Dingen beschäftigt (Mode), dann kommt man auch gar nicht auf komische Gedanken....
M. Wehning @ 20.11.2008 09:02 CET
Schöner Beitrag, Reto!
Es gibt so einen Begriff- "Rebound"-, der etwa Folgendes meint: Eine Rationalisierungsmaßnahme spart zunächst Zeit, Ressourcen, aber oft gibt es den Effekt, dass wir anschließend umso bedenkenloser diese Dinge einsetzen (also z.B. Energiesparbirnen Tag und Nacht brennen lassen), wodurch der eigentliche Effekt wieder aufgehoben wird.
Deswegen finde ich so "Wahnsinnsaktionen", wie Ralf sie beschreibt, gar nicht idiotisch: Wer mit Kindern Dinge repariert, lehrt sie neben dem handwerklichen Geschick auch einen bewussteren Umgang mit Ressourcen und das wiederum ist bares Geld wert- wenn man es denn schon ökonomisch betrachten möchte...
Falko @ 20.11.2008 16:13 CET
"Deswegen ist jeder Handwerker bemüht, möglichst rasch und effizient zu arbeiten." -> den satz glaube ich nicht. wenn das Arbeitszeit das Teuerste ist, werde ich mir als Handwerker doch schön viel Zeit lassen, dann gibt es doch um so mehr Geld für weniger Arbeit oder anders gesagt für die gleiche Arbeit mehr Geld, weil in größerer Zeit absolviert. das trifft natürlich alles zu, wenn man ein geldhungriger Kapitalist ist..., wenn man an der möglichst effizienten Weiterentwicklung seiner Firma und einem guten Image arbeitet, dann natürlich nicht. aber wie bekommt man einen kleinen Arbeitnehmer zu ethisch-moralischen Verhalten?.. aber das war ja gar nicht das eigentliche Thema.

Ich störe mich schon bei allen möglichen alltäglichen Sachen bzw. genauer bei deren Verpackung, dass man einfach nicht anders kann als wegwerfen. das lob ich mir schon den Mehrweg. am liebsten würde ich alle möglichen Produkte, die man kaufen kann, gerne selber "abfüllen". D.h. mit Schachtel / Flasche usw. in den Markt gehen und da dann meinen Joghurt, Tee, ... selber abfüllen. Aber da sind die Hygienevorschriften leider zu hoch.

"Wir sind soweit, dass uns eine absatzsuchende und bedürfniserzeugende Industrie sagt, dass wir Kleider in immer kürzeren Perioden wechseln müssen (genannt Modetrends)." --- oh bin ich froh, dass ich da nicht mitmache! das setzt einen ja so unter Druck! einfach schrecklich. lieber sollte man warten, bis sich der Trend wieder umkehrt. bestimmt werden die 90er genauso wie die 70er auch mal wieder in :)

eine guter Ansatz wäre da (auch bei Möbeln, etc.), dass man 2nd-Hand-Warenhäuser aufmacht, einen Tauschring/-börse einrichtet, oder das Ganze verschenkt. z.b. Freecycle (http://www.freecycle.org/)
Michael Maag @ 20.11.2008 21:19 CET
Ich habe in meiner Werkstatt (eine freundliche Umschreibung für meinen mit Material, Werkzeug, Zeug, und ähnlichem vollgestopfen Werkel- Schraub- und Arbeitsraum) eine Kiste 30x30, in die alle alten Schrauben, noch geraden Nägel, etc. reinkommen. Etliche der stabileren Schrauben, vor allem Schloß- und Schlüsselschrauben sowie Beschläge, haben viele verschiedene Einsätze hinter sich, und werden immer wieder verwendet.

Es muss nicht immer neu sein und glänzen - eine Schraube wie von Reto beschrieben kann solange verwendet werden, wie der Kopf (der der Schraube selbstverständlich) es aushält.
Reto Stauss @ 21.11.2008 10:15 CET
@Falko: jeder Handwerker, welcher nach Fixpreis arbeitet, versucht effizient zu arbeiten. Und schlampen in Regie tut man nur einmal ...

Bezüglich Verpackungen: 9 Vorschläge zur Abfallvermeidung und warum wir ihnen nicht folgen
Mattes @ 25.11.2008 14:53 CET
Hier sprichst du ja letztlich ein Kernthema der Wirtschaftswissenschaften an: die (Arbeits-)Werttheorie. Praktisch mach ich auch so "wahnsinnige" Dinge wir Kartoffeln im eigenen Garten anbauen, aber ich glaube nicht, dass man Leute überzeugen kann, das als Lebensmittelpunkt zu machen: ökonomisch ist es einfach irrational. Spannend wäre aus meiner Sicht eher, wie man die Industrie zwingen könnte, die verborgenen Kosten für die Umwelt nicht auf selbige abzuwälzen, sondern mit zu berechnen. Der Erfolg von Zertifikats-Handel scheint sich da ja in Grenzen zu halten. Vielleicht mit einer Art Müllsteuer? Die bei Recycling nur halb so hoch ist, und bei Upcycling ganz entfällt?
Falko @ 29.11.2008 16:19 CET
@reto: sind denn nicht meistens eher die chef's diejenigen, auf die der fixpreis zutrifft? ich dachte immer, dass die unteren arbeiter doch nach stundenlohn bezahlt werden und nicht nach leistung und dass denen dann das eigenlich egal sein könnte (natürlich, wenn das jmd. mitbekommt, wird's doof). ich bin ja ehrlich gesagt dafür, dass man das Stundenlohnmodell abschafft und dafür wirklich nur nach Leistung bezahlt wird (das wird sicher nicht überall mgl. sein).

danke für die verpackungsmüllvermeidungsvorschlagsliste (ich liebe lange wörter), ich würde sagen, da bin ich auf einem sehr guten weg :D
Keine (weiteren) neuen Kommentare erlaubt.