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Subsistenz - kritische Auseinandersetzung mit einer Vision

Gast-Beitrag Dies ist ein weiterer, feiner Gastbeitrag von Martin Wehning.

In unseren Diskussionen fällt immer wieder der Begriff der Subsistenzwirtschaft als Lösung verschiedenster Probleme (Stärkung der Nachbarschaft, Stoppen der Klimakatastrophe, Führen eines sinnerfüllten Lebens u.a.). Ich weiss nicht, ob es mir alleine so geht, aber ich denke bei diesem Wort leider auch an miefige, dunkle Buden, in denen lethargische Typen vor sich hin vegetieren, sich bestenfalls abrackern, letztlich aber „auf keinen grünen Zweig kommen“.

Klar, so ein Leben ist in hohem Maße nachhaltig, aber die Zugkraft, die Inspirationsfähigkeit dieses Wortes für weite Teile der (post-)modernen Gesellschaft würde ich ziemlich genau bei Null ansiedeln (von uns paar Spinnern in diesem Blog mal abgesehen ;-) [Welche Spinner? Anm.d.R. ;-)]). Eine derartige Lebensweise hat definitiv ein Imageproblem, nicht zuletzt scheint sie dem menschlichen Streben nach Entwicklung, Fortschritt zu widersprechen, dem Wunsch, stetig das eigene Leben zu verbessern, der Hoffnung, dass die Zukunft für uns und unsere Kinder schöner, besser sein wird.

Auf der anderen Seite kann man festhalten, dass die meisten Menschen dieser Welt schließlich genau so lebten und künftig leben werden (wenn es gut läuft). Und vielleicht ist es doch ein dumpfes Vorurteil, das ich oben so krass beschrieben habe- trotzdem sehe ich die Notwendigkeit, den Begriff der Subsistenzwirtschaft kräftig aufzuwerten und ihn mit Bildern zu beschreiben, der Menschen Lust macht, auf diese Art  zu leben. Versuchen wir es einmal:

  1. Die Orientierung von Menschen, die subsistenziell (gibt’s das?) leben ist eher nach innen gerichtet, also auf Sinn angelegt. Anders gesagt, es ist eine Absage an Fassade, Oberflächlichkeit und Statussymbole.
  2. Das Streben von Menschen, eine reife Persönlichkeit zu entwickeln, wird befördert. Das heißt nach meinem Verständnis, sich auch ohne äußere Grenzen einzuschränken, ein selbstbeherrschtes und somit eher selbstbestimmtes, autonomes Leben zu führen.
  3. Ein Bewusstwerden der positiven wie auch negativen Netze, in die wir eingewoben sind (Energieversorgung, Finanzsystem, politisches System,  freundschaftliche Beziehungen).
  4. Die konkrete Frage, wo ich mit meiner Lebensenergie bleibe ohne andere Systeme zu beschädigen. Es geht also um die Entfaltung eigener Potentiale etwa auf sportlichem, intellektuellem, musischem, sozialem Gebiet. Als ethisches Motto formuliert: Ich will ein erfülltes Leben, möchte es aber nicht auf Kosten anderer (Menschen oder der Umwelt).

Nun ist es wahrscheinlich bei Visionen meist so, dass sie erst Zugkraft entwickeln, wenn man sieht, wie sie mit Blut (Schweiß und Tränen) gelebt werden - Papier ist geduldig. Trotzdem sind solche – vielleicht sehr abstrakten - Zielbeschreibungen wichtig, damit man nicht nur im Klein-Klein wurstelt und weiss, wieso man bestimmte Dinge tut.

Über Rückmeldungen  freue ich mich sehr!

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Kommentare (7)  Permalink

Kommentare

Michael Maag @ 20.11.2008 12:33 CET
[Welche Spinner? Anm.d.R. ;-)] Bekenne mich schuldig ;-)

Da gibt es in meinen Augen auch wieder ein Problem der Kommunikation.

Bestes Beispiel ein Kurs, den ein Bekannter von uns in Österreich angeboten hat: "Bauen mit Müll".
Gutes Werk, schöne Absicht, nachhaltig und alles.
Aber mit dieser Wortwahl schrecke ich doch jeden "Normalo" völlig ab und bestätige das "Spinner"-Vorurteil.

Schon sind wir wieder beim Nachhaltigkeits-Graben und den darüberführenden Wegen.

Es gilt, denke ich, eine Balance zu finden zwischen 1% Vordenker-Wortwahl, und der "Übergabe" der Denkweisen, Praktiken und Dinge an die 9% Multiplikatoren. Und das ohne Worthülsen und leere Werbesprache zu produzieren.
Reto Stauss @ 20.11.2008 12:58 CET
Ich bin wohl zu wenig alt (oder auf dem falschen Planeten aufgewachsen), aber Subsistenz hat für mich keine negative Bedeutung. Aber ist, wenn ich ehrlich bin, auch inhaltlich kaum besetzt. Was ich darüber aufgeschnappt habe, scheint zumindest den aktuellen Trend zu lokaler Produktion aufzunehmen ...

@Michael: wobei es womöglich die Aufgabe der Multiplikatoren selber ist, die Ideen der Vordenker massentauglich und -verständlich zu formulieren.
Michael Maag @ 20.11.2008 20:34 CET
Ich meine auch nicht, dass Subsistenz negativ belegt sei. Wenn, dann vielleicht zu "extrem" belegt. Wenn man sich selbst versorgen will, dann ist das Ziel meist mit "allem" - z.B. vom Schafe halten zum Scheren, zum Spinnen, zum Weben, und zum Schneidern.
Das ist aber ausser für ganze (Dorf-) Geminschaften unrealistisch, denn Selbstversorgung, wie diese in früheren Zeiten funktioniert hat, hat im Rahmen der Großfamilie, der Sippe und in einem Dorfverbund stattgefunden, und nicht durch "Einzelkämpfer". Und selbst dann wurden Materialien und handwerkliches Können von ausserhalb benötigt.

Die Formulierungen von Martin, vor allem Punkt 4, sind da ein möglicher Weg vom eher handwerklich und selbstversorgerischen Verständnis hin zu einem "moderneren" Begriff der Subsistenz.

@Reto: da hast Du schon recht, doch Worte haben Macht. Für die meisten sind z.B. alte gebrauchte Steine und Materialien belastender Müll. Allein dieses Wort führt schon sogleich zum "möglichst schnell diese Sorge Loswerden", zum "Entsorgen".
Nenne ich die identischen Steine "historisches Baumaterial" (OK, ist übertrieben, es tut auch "Wertstoff"), ist das Gedankenbild der Leute gleich viel besser.
In unseren Schaugarten baue ich eine Trockenmauer aus alten Dachplatten, Ziegeln, Drainagerohren und ähnlichem (bin noch nicht ganz fertig - wird wohl bis nächstes Frühjahr warten müssen).
Würden wir bei den Führungen sagen, wir bauen eine Trockenmauer aus Müll, wäre das zwar schön provokant, wäre aber nur für sehr wenige Menschen andockfähig.
Wir versuchen, mit diesen bewußten Wortwahlen eine Brücke zu bauen - und dieses Bild passt nun wieder schön zum oft zitierten Graben.
Reto Stauss @ 21.11.2008 10:25 CET
@Michael: Du hast schon recht, "historische Baumaterialien" gibt dem "Müll" einen komplett anderen Drive. Aber nicht alle haben es drauf, diese positive Sprache zu finden ... ich bin ja hier auch eher schwer und ernst unterwegs ... aber das kommt vielleicht von meiner Abneigung gegenüber "Schönsprech".

Vielleicht können wir ja mal eine Sammlung machen, wie man nachhaltige/ökologische/soziale Handlungen so ausdrücken und benennen kann, dass eben dieser "historische Baumaterialien"-Drive entsteht ...
M. Wehning @ 21.11.2008 17:23 CET
@ Reto: Na, stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel, deine Ausdrucksweise ist schon ganz in Ordnung (grins), es geht ja auch gar nicht um Schönsprech, aber auch Ideen wollen "verkauft" werden. Eine ganze Industrie lebt davon, ihre Produkte zu vermarkten und ist dabei extrem kreativ. Warum nicht hiervon lernen, um "unseren " Ideen mehr Zulauf zu verschaffen. Das ist was ganz anderes als sich zu verbiegen- finde ich.

Noch mal zu Punkt 4: Es gibt da diesen Begriff MIPS(Materialinput pro Serviceeinheit)von Schmidt- Bleek.
Gemeint ist Folgendes: Wir haben gewisse Ziele, können sie aber mit mehr oder weniger Einsatz an Energie erreichen. Und das gilt-finde ich- besonders für die eigene Lebensqualität: Mein persönliches Glück wird nicht durch ein Maximum an Geldmitteln erhöht und ebenso kann ich mich um eine gesunde Lebensweise bemühen, Sport oder Musik betreiben ohne dass es teuer sein muss. Die Golfspieler unter uns (hihi) könnten ihre Geschicklichkeit und ihren Bewegungsdrang auch ressourcenschonender trainieren.
Reto Stauss @ 02.12.2008 09:37 CET
Bin gerade auf eine schöne Definition von Subsistenzwirtschaft gestossen: die Fähigkeit, von den Ressourcen des eigenen Landes zu leben. In "Kultur des Gebens".
Ingrid Reinecke @ 22.12.2008 17:13 CET
massentauglich und verständlich formuliert:
"Wovon Menschen leben - Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes" (Autorinnen: Baier, Andrea; Müller, Christa; Werner, Karin)
oekom Verlag München

"Urbane Subsistenz - Die zweite Quelle des Wohlstands" (Autoren: Dahm, Daniel; Scherhorn, Gerhard)
oekom Verlag München
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