Geht jetzt alles vor die Hunde?
Eigentlich interessiert mich das politische und wirtschaftliche Tagesgeschäft wenig bis gar nicht. Angesichts diverser zusammenklappender Kartenhäuser und luftverlierenden Blasen frage ich mich doch, ob das momentane Ächzen im ökonomischen Gebälk nicht schneller und härter Auswirkungen auf jedermenschs Leben hat, als uns lieb sein kann. Vielleicht bezahlt die sogenannte erste Welt jetzt den Preis fürs Prassen ...
Um beim Bild zu bleiben: ein Sparren ist bereits am Brechen, ein zweiter schwer angeknackst. Sollen wir hoffen, dass das Dach hält oder dass der morsche Mist endlich einfällt? Beides, das Ächzen und das Einfallen könnte das Ende der alten und der Anfang einer neuen Ordnung sein. Die Frage ist bloss, welcher. Und ob es besser ist, mehr oder weniger Zeit zu haben. Krisenzeiten sind nicht dazu geeignet, neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Formen einzuführen, sondern begünstigen eher den Rückfall in alte Muster. Deswegen ist die Frage, ob ein Crash wirklich wünschenswert ist ...
Ein nachhaltiger Lebensstil - in der rohesten Ausprägung - könnte uns plötzlich aufgezwungen werden. LOHAS ade ... aber es kommt, wie es kommt.
Kommentare
Hallo Reto,
"lustig", ich bin auch gerade dabei, einen Artikel über LOHAS in Zeiten der Wirtschaftskrise zu schreiben. Wenn wir Glück haben, dann wird in 1-2 Wochen das System "Privatbank" und "Investmentbank" so nicht mehr existieren. Wenn wir Pech haben, zieht sich das noch die nächsten Monate durch.
Was das für nachhaltiges Leben heißt? Wahrscheinlich nichts gutes - denn LOHAS ist und bleibt ein Mittelstandsphänomen. Wenn da aber kein Geld mehr da ist, dann geht es zurüch zu Denner, Aldi und "posten" bei Lidl im Nachbarland...
@Manuel: dann kommen eben die - wie war das nochmal? - LONVOS: Lifestyle of non-voluntary simplicity ...
LOVOS?
Ja, aber das macht ja nicht soviel Spass, das ist dann ja nicht FREIWILLIGER VERZICHT (wobei ja nicht verzichtet wird auf Lebensstandard) sondern erzwungener Verzicht ... :)
@Manuel: richtig, der Spass ist dann vorbei. Höre ich da eine gewisse StrategischerKonsumRosaRespGrüneBrilleNeueLOHASWeltAllesGut-Müdigkeit raus?
Naja.... also mal etwas weltfremd, von außen und positiv betrachtet:
- Die Lebensmittel- und Ölpreise steigen aufgrund von Spekulationen
- Dadurch verdienen einige wenige, die große Masse muss das zahlen
- Die Wenigen haben nun Mist gebaut und sind weg
- Prima
Wegen Aldi&Co.: Das ist halt die Frage, ob die Leute imme rnoch so blöd sind, ihr Geld für billigen Scheiß auszugeben, oder ob sie sich das sparen für wichtige Dinge. Ich fürchte ja auch ersteres. Aber was soll ich mich darüber aufregen, ich muss ja nicht mitmachen.
Jep. Je weiter man sich vom Konsum-, Finanz-, und sonstigem Terror und den jetzt sichtbaren Folgen abkoppeln kann, bzw. nicht mitmachen braucht, um so besser.
Also eine schöne (insbesondere schön volle) Vorratskammer anlegen, Brennholz sammeln, und feststellen, dass "wir habens euch ja gesgt" das Ganze auch nicht schöner macht :-/
Hey Reto,
da zeigt es sich mal wieder: LOHAS ist genauso an die Finanzmärkte gekoppelt, wie - um es unvegan auszudrücken ;) der Schwimmer an den Angelhaken. Den hat es nun in die Tiefe gezogen, entweder ist ein alter Schuh (dann würden wir alle wieder bald oben auf schwimmen) dran, oder der Stöpsel für den See in dem die Börsianer fischen gewesen sind. Dann würde es in der Tat rund gehen, aber sicher nicht das Ende sein. Der Kapitalismus erfindet sich regelmäßig neu. Die LOHASianer_innen wird das nicht so sehr schmecken. LOVOSianer_innen werden mit der Veränderung eher zurecht kommen, weil sie wohlmöglich ohnehin schon unabhängiger sind. Das aber aus LOVOS LOFOS (forced sustainability) wird sehe ich noch nicht. Nur weil das Wirtschaftssystem krachen geht, heisst das ja noch lange nicht, dass wir uns zu mehr Nachhaltigkeit herablassen. Ich gehe eher vom Gegenteil aus.
Viele Grüße.
littleblacknemo
Leider hat littleblacknemo da recht. (netter Vergleich mit dem Teichstöpsel) Wenn die Trümmer des Zusammenbruchs größer werden, werden halt erstmal die Bulldozer zum Aufräumen ebenso vergrößert.
Ein "Neuanfang" war in der Geschichte meist mit einem vorherigen Zusammenbruch vor allem auch der Nahrungsversorgung verbunden. Da sind wir noch etwas weg.
Ich sehe die Chance für Nachhaltigkeit vor allem in einem langsameren Prozess: durch Verknappung (peak oil) und Verteuerung der Ressourcen wird nachhaltiges Denken und Wirtschaften Stück für Stück umgesetzt. Schließlich wurde das Konsumverhalten auch über Jarhzehnte eingeübt; diesen Prozess umzukehren dauert (wenn auch hoffentlich nicht so lange).
Mir wäre das jedenfalls lieber, als den ganzen Kladderadatsch nach einem Zusammenbruch vom Boden abzukratzen.
@littleblacknemo: bin mit Dir einverstanden, dass ein plötzliches Schrumpfen des Lebensstandards nicht zu mehr Nachhaltigkeit führen würde, eher im Gegenteil. Aber LOFOS würde dann einfach mit "forced simplicity" übersetzt.
@Michael: ein richtiger Crash würde die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit zurückwerfen, keine Frage ... aber vielleicht hilft ein kleiner Crash an der richtigen Stelle ja auch. Wenn zum Beispiel die grössten Übel im Finanzsektor ausgemerzt werden, würde die vielleicht alternativen Modellen zu Gute kommen. Bin gespannt, wie sich zum Beispiel alternative Banken und Pensionskassen in nächster Zeit entwickeln, z.B. die ABS oder NEXT.
Hallo Reto,
Du hast natürlich Recht. Wo hatte ich nur meinen Kopf, mein Übersetzungsmodul hat gestern nicht mehr recht funktioniert und Begriffe vertauscht.
Dennoch bleibt meine Aussage davon ja wenig berührt. LOHAS-Anhänger_innen sind auf eine "funktionierende" Globalökonomie angewiesen. Ích stelle die These auf, dass LOHASianer_innen sich v.a. aus der Schicht der Besserverdiener_innen rekrutieren. Diese werden eine Wirtschaftskrise, die mit der Entwertung des Geldes einher geht, subjektiv am stärksten treffen. Ein Großteil ihres Lebensstils definiert sich ja durch, wie Du so häufig erwähnst, strategischen Konsum, um Verhältnisse zu ökologisieren. Wenn denen nun die Kaufkraft flöten geht, ändern sich weder die Verhältnisse, noch lässt sich der Lebensstil aufrecht erhalten. Ich denke, dass siehst Du auch so.
David Holmgren (um mal ein bissel namedropping zu betreiben ;) ) erwähnt ja den Begriff "Greentech Stability", eine Formulierung die ich im negativen Sinne mit LOHAS assoziiere, die aber nur in einem funktionierenden Kapitalismus erzielt werden kann, um das technische Know-how zu finanzieren, das dafür nötig ist. Genau dieses Konzept wird mit einer Finanzkrise aber auch über die Reling gespült werden.
Langer Rede, kurzer Sinn. Auch unter einem erzwungenen Verzicht, werden sich LOVOS-Menschen besser einzurichten wissen, da sie Wege gefunden haben, sich von den kapitalistischen Verhältnissen (teil)-zu entkoppeln. Sie definieren sich nicht primär über Konsum, sondern über Verzicht oder Substitution, denke ich. Daher haben sie einen wesentlichen Aspekt unserer modernen Gesellschaft nicht übernommen, die Definition des Selbst durch die individuelle Konsumfähigkeit. Sie werden daher, das was gerade passiert, weniger als Krise empfinden, da sich die Verhältnisse für sie nicht großartig verändern. Aber natürlich kann ich die Dominoeffekte die eine sich zur Wirtschaftskrise verdüsternde Finanzkrise auslösen kann und welche periphären Folgen das für uns Nachhaltigkeitsfreund_innen real haben wird.
Viele Grüße,
littleblacknemo
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