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Haus(um)bau: freundliche Materialien

Schlussspurthechelnd vielleicht der letzte Beitrag vor dem Einzug in unser neues Zuhause: man kann freundlich bauen (wenn man den Ausdruck baubiologisch vermeiden will). Freundlichkeit, welche sich gegen Bewohner, Erbauer, Hersteller und Umwelt richtet. Folgende Materialien sind bei unserem Umbau zum Einsatz gekommen:

  • JutenetzHolz: wird auch im konventionellen Bau - eher versteckt - z.B. bei Dachstühlen eingesetzt. Bei uns sind die Fenster, die Küchenmöbel, zum Teil die Böden, die Decken sowie konstruktive Teile wie Balkenlagen aus dem erneuerbaren Rohstoff Nummer 1 - alles massiv.
  • Lehm: grosse Teile der Wände (Lehmbau-Platten) und Wandoberflächen sind aus diesem altbekannten, aber vergessenen Material gefertigt, welches ein hervorragendes Raumklima verspricht. Mehr dazu in "Atmende Innenwände".
  • Ton: Die Lehmbau-Platten wurden mit Jutennetzen in einem Tonmörtel überbunden und sind als gebrannter Ton in Form von Kaminsteinen und Schamott-Ziegeln und Terra Cotta-Platten Bestandteile der Ofenanlage und Bodenoberfläche.
  • Gips: überall dort wo Lehmbauplatten nicht eingesetzt werden konnten (im Nass- und tragenden Bereich), haben wir Gipsfaserplatten verwendet. Diese werden aus Gips, Recyclingpapier und Wasser unter Druck ohne weiteres Bindemittel hergestellt.
  • Bims: verwendet als Ausgleichs-Schüttung sowie Wärme- und Schalldämmung in Teilen der Böden.
  • Mineralschaum: angenehm zu bearbeiten, problemlos zu entsorgen (Sand/Kalk/Zement-Gemisch), allerdings mit einigem Energieaufwand hergestellt ("Intelligent dämmen").
  • Zellulose: das Dach und die Holzständer-Wände sind mit Flocken aus Altpapier ausgeblasen.
  • Natürliche Farben: Ölfarben und Öle, Seife auf natürlicher Basis schützen und veredeln beanspruchte Oberflächen innen und aussen.
  • Kork: ok, ist ein Klickparkett auf MDF-Basis, aber immerhin ein paar Millimeter fussgenehmens Material im Bad. Die Anforderung war Wasserfestigkeit- und dichtheit, was nicht ohne Leim geht. Steht mit einem Bein auch bei den Kompromissen.
  • Stein: der aus einem heimischen Steinbruch stammende Quarzsandstein wird sägeroh als Küchenabdeckung sowie Ofengrundplatte und -sitzbankabdeckung verwendet. Ohne dass er für eine Oberflächenbearbeitung nach Italien gekarrt werden musste ...
  • Metalle: Details wie Ofentüren, die ganze Dachentwässerung und Geräte wie der Zentralheizungsherd, die Wasserspeicher und Teile der Sonnenkollektoren sind aus verschiedenen Metallen hergestellt, in der Mehrheit Eisen und Stahl, auch Zink und in geringen Mengen das aus Herstellungssicht eher problematische Aluminium.
  • Abschirmung: zur Minimierung der durch die Elektrifizierung eingeschleppten elektromagnetischen Strahlung dient einerseits der Lehm mit seiner abschirmenden Wirkung wie auch abgeschirmte Elektrokabel, allerdings nur im oberem Stock werk mit den Schlafzimmern.

Alles Materialien mit folgenden Eigenschaften: ungiftig, recylcebar oder zumindest problemlos entsorgbar, gesundheitsunschädlich zu verarbeiten, mit positivem (oder wenigestens keinem negativen) Effekt auf das Wohnklima, dauerhaft, mit vernünftigem Aufwand herstellbar aus erneuerbaren Rohstoffen.

Budget- und Zeitdruck wie auch praktische Überlegungen haben aber auch zu folgenden Kompromissen geführt:

  • Front in Pfosten-Riegel-KonstruktionBauschaum: Sondermüll, aber extrem praktisch bei der Montage von Fenstern und Türen sowie Abdichten von kleinen, schwer zugänglichen Öffnungen. Alternative: Stopfen mit Wolle oder Seide und ein erheblicher Mehraufwand beim Befestigen der Rahmen.
  • Extrudierter Polystyrol-Hartschaum (XPS): etwas ähnliches wie Styropor, als Dämmung gegen das Erdreich. Alternative: Schaumglas. Ist zwar mineralisch, aber die Herstellung ist sehr energieintensiv.
  • Glasfaser: die gesamte Aussenhülle, das heisst alles, was ich mit den Mineralschaum-Platten gedämmt habe, musste mit einem Glasfasernetz stabilisiert werden. Und der Kleber war mit einem kleinen Anteil Kunststoff vergütet. Alternative: keine. Oder komplett auf ein anderes Dämmsystem umsteigen.
  • Kunststoffe: die gesamte elektrische Verrohrung, die Kabelisolationen sowie Teile der sanitären Einrichtungen sind aus wahrscheinlich erdölbasierenden Kunststoffen gefertigt. Aus meiner Sicht auf Grund der Lebensdauer vertretbar und relativ geringen Anteils am gesammten Bauvolumen vertretbar. Alternative: keine. Doch: auf Elektrizität verzichten und die Sanitäreinrichtungen metallisch verrohren.
  • Grobspanplatten: Entscheidungschnellschuss, gefällt in Baustellenhektik. Aber wenigstens formaldehydfrei. Als Aussenbeplankung der Holzständerwände gegen die Scheune.
  • Blackbox Technik: verschiedene elekrische und elektronische Komponenten steuern und regeln vor allem die Holz- und Solar-Heizung. Ansonsten werden wir mit einer minimalen Haus-Automatisierung leben. Mit relativ grosser Wahrscheinlichkeit sind in den Schaltungen problematische Substanzen verbaut. Alternative: auf Elektronik komplett verzichten. Vielleicht liessen sich ja auch mechanische Lösungen finden ...

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Verwendung von baubiologischen Materialien?

  • Man muss sie kennen und wissen, wie man sie einsetzt. Dies bedingt - als Laie -, dass man sich von Fachleuten beraten lässt. Das muss nicht zwingend ein Architekt sein (auch wenn das jetzt jemand nicht gerne hören wird, gell, H.), sondern man kann durchaus auch ein Handwerker mit Erfahrung zu Rate ziehen. Ansonsten tut man sich kaum einen Gefallen bei einem Bau, welcher einen überleben soll.
  • Das Bewusstsein bei den Handwerkern ist noch gering. Das Angebot an baubiologischen Materialien ist eigentlich genügend gross, aber wenn man mit etwas Neuem auf der Baustelle auftaucht, ist die Begeisterung nicht unbedingt gross. Und es gibt erhebliche Unterschiede in der Bearbeitung: eine Lehmplatte wird anders angefasst als eine Gipsplatte.
  • Baubiologische Materialien sind in der Tendenz eher arbeitsaufwändiger. Was dem heutigen Bestreben auf dem Bau diametral entgegengesetzt ist: Kostentreiber Nummer 1 sind die Arbeitsleistungen, das Material nimmt anteilsmässig ständig ab. Deswegen werden auch immer mehr Systeme eingesetzt, welche als industriell gefertigtes Halbzeug auf den Bau geliefert und nur noch zusammengeklatscht werden muss.
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Kommentare (5)  Permalink

Kommentare

Daniel Huber @ 03.09.2008 16:56 CEST
Freundlich bauen... sehr schön gesagt!

Bezüglich der Haustechnik und Blackbox.. Es gibt Sonnenkollektoren ohne Pumpsysteme, diese funktionieren über Schwerkraft. So zum Beispiel Free Heat 302 von "Solahart" gibts von 180-440l. Grössere Anlagen mit Schwerkraftsbetrieb kenne ich nicht.

Soviel von H. der freundlich bauen mag und selber manchmal auch Handwerker ist :)
olaf @ 04.09.2008 12:39 CEST
wow! ich bin immer wieder beeindruckt, was ihr da aufbaut. gibt's evtl noch ein kleines video, in dem man mal alle räume betreten kann?
Reto Stauss @ 04.09.2008 13:09 CEST
@olaf: vielleicht gibt es mal noch etwas mehr Bilder, aber Video ist mir dann doch ein Spur zu intim, glaube ich ...
olaf @ 04.09.2008 14:56 CEST
wollte eigentlich auch erst foto schreiben. eigentlich interessiert mich zur zeit, wie das häuschen mittlerweile im ganzen aussieht.
LM @ 15.09.2008 15:29 CEST
Ich beschäftige mich gerade auch mit diesem Thema, weil ich im nächsten Frühjahr ein Bauvorhaben starten werde. Ich finde reine Holzhäuser sehr schön und werde dies vermutlich in Angriff nehmen. Außerdem ist es ein sehr guter natürlicher Baustoff.
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