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Der Tisch meiner Tante

Gast-Beitrag Dies ist ein weiterer, feiner Gastbeitrag von Martin Wehning.

Als Kind war ich in den Ferien oft bei Verwandten auf dem Bauernhof. Der Großteil des Drinnenlebens spielte sich in der recht großen Küche ab. Hier wurde gekocht, gebacken, eingemacht, gequatscht, gelesen und ein Nickerchen gemacht. Der Küchentisch war riesig, besonders als ich noch kleiner war. Zu Erntezeiten saßen hier ein gutes Dutzend Leute auf der Küchenbank oder den Stühlen, die von nebenan dazu geholt wurden.
Alter Tisch
Quelle: pixelio.de
Eigentlich ein ziemlich nichtssagender Tisch: Massiv gebaut, grob in der Ausführung, dunkel gehalten und mit vier schlichten Beinen. Ich weiß nicht, wie alt der Tisch war, ich vermute mal aus den 30er Jahren. Eine Tischdecke gab es für diesen Tisch meines Wissens nicht. Dafür wies er unzählige Gebrauchsspuren auf. Da war der Abdruck eines Bügeleisens, das einmal zu lange auf der Platte gelassen wurde, an der Tischkante hatte ein Junge mal sein Schnitzmesser ausprobiert und seine Kerben hinterlassen.

Klar, er hatte dafür Ärger bekommen, aber die Idee, den Tisch zu ersetzen, wäre niemandem gekommen. Auch sonst war er voller Flecken, Schlieren und Macken, die sich in den Jahren und Jahrzehnten einfanden und ihn unvergleichlich machten. Schön war er nicht, dieser Tisch.

Und wenn hoher Besuch wie etwa der Pastor kam, wäre dieser niemals an diesen gebeten worden. Dafür gab es die „gute Stube“, die nur an Festtagen betreten wurde und eigentümlich roch. Meine Tante wusste und weiß bis heute mit Begriffen wie „Design“ oder „Wohnkultur“ nichts anzufangen. Wenn man ihr davon erzählen würde, so hielte sie dies vermutlich für die etwas wunderlichen Ideen von Städtern, die „wohl sonst keine Sorgen haben“.
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Kommentare (5)  Permalink

Kommentare

THL @ 14.04.2008 16:25 CET
...und so ein Tisch, etwas aufgearbeitet, kann bis heute gute Dienste leisten. - Bei mir in der Küche steht so einer. Von der Oma.
Richard @ 21.04.2008 12:43 CET
Ich hätte gerne eine solchen alten Tisch in meiner Küche. Ich müsste dafür zwar meine Küche erweitern, aber allein die Geschichte die solch ein Tisch mit sich bringt ist einmalig. Ich erinnere mich noch gerne an die Zeit, als ich noch klein war und bei meiner Oma an einem solchen Tisch gegessen hatte. Jede dieser Schrammen und Kratzer hatte eine gute und interessante Geschichte.
MERLINE @ 22.04.2008 14:43 CET
...ach so eine wundervolle geschichte ...hat mich jetzt wirklich berührt.
kenne den schreiber hier nicht und auch nicht die tante und den schönen tisch von dem er schreibt.aber in den kurzen momenten ,wo ich die zeilen lesen durfte habe ich ein total wohliges gefühl in mir verspürt.DANKE!!

was würde ich drum geben solch einen feinen tisch mein eigen nennen zu dürfen -und um ihn herum mein **aussteiger-leben** in schlichtheit und einfachheit aufzubauen lächel...

seid alle lieb gegrüßt von der MERLINE
M.Wehning @ 23.04.2008 20:07 CET
@Merline: Vielen Dank, es freut mich sehr, wenn "der Tisch meiner Tante" auf Interesse stösst.
Ich war im Vorfeld etwas unsicher, ob dieser Text hierhin gehört, ist er doch vom Stil her ganz anders als andere Beiträge, die ich hier veröffentlichen durfte.
Aber "unser Thema hier"- ein nachhaltiges, an Qualität orientiertes Leben hat m.E. eben nicht nur mit guten Argumenten und klugem Raisonnieren zu tun (das auch!!).
Es geht auch um ziemlich persönliche Gefühle, um Werthaltungen, die sich über viele Jahre entwickelt haben und die sich nicht so gut über Debatten vermitteln lassen.
Sowas kann man glaube ich besser über Geschichten vermitteln...
M.Wehning @ 23.04.2008 20:09 CET
@Merline: Vielen Dank, es freut mich sehr, wenn "der Tisch meiner Tante" auf Interesse stösst.
Ich war im Vorfeld etwas unsicher, ob dieser Text hierhin gehört, ist er doch vom Stil her ganz anders als andere Beiträge, die ich hier veröffentlichen durfte.
Aber "unser Thema hier"- ein nachhaltiges, an Qualität orientiertes Leben hat m.E. eben nicht nur mit guten Argumenten und klugem Raisonnieren zu tun (das auch!!).
Es geht auch um ziemlich persönliche Gefühle, um Werthaltungen, die sich über viele Jahre entwickelt haben und die sich nicht so gut über Debatten vermitteln lassen.
Sowas kann man glaube ich besser über Geschichten vermitteln...
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