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Im Gespräch: Andreas Giger

Durch die Umfrage "Nachhaltige Nachhaltigkeit?" bin ich auf das SensoNet und dessen Kopf Andreas Giger aufmerksam geworden.
Bitte erklären Sie kurz, wer Sie sind und was Sie machen.
Andreas GigerIch bin freier und unabhängiger Zukunfts-Philosoph - eine Berufsbezeichnung, die natürlich in keinem offiziellen Register vorkommt ... Als solcher beschäftige ich mich mit dem Werte-Wandel und dessen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Darüber erstelle ich Studien und halte ich Vorträge. Zudem produziere ich als Autor und Fotograf Bücher zu den Themen Lebensgestaltung und Lebenskunst.

Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?
Natürlich steht dabei der Aspekt des fürsorglichen Umgangs mit Ressourcen aller Art im Vordergrund, die wir für kommende Generationen erhalten sollen. Das geht aber nicht, ohne dass wir auch den "banalen" Aspekt von Nachhaltigkeit betonen, also Dauerhaftigkeit, oder schlichter die Berücksichtigung einer längerfristigen Perspektive beim Denken und Handeln. Genau daran mangelt es nämlich noch oft.

Wie sollen wir mit dem Dilemma nicht-erneuerbarer Rohstoffe (z.B. Erdöl) umgehen? Wieviel können/dürfen wir Ihrer Meinung nach verbrauchen, um "Chancen und Aussichten zukünftiger Generationen nicht zu schmälern"?
Diese Frage kann ich als Nicht-Fachmann unmöglich beantworten, zumal niemand so genau weiss, wie gross die Vorräte eigentlich sind. Sicher sollten wir so wenig wie möglich fossile Energiequellen nutzen. Noch wichtiger erscheint es mir allerdings, intensiv daran zu arbeiten, dass künftige Generationen gar keine solchen mehr brauchen.

Sie haben in Ihrem Netzwerk SensoNet eine Umfrage durchgeführt, die sich um das Thema Nachhaltigkeit drehte. Wer sind die Teilnehmer und was kann man aus den Resultaten herauslesen?
An meinen Umfragen nimmt teil, wer will und kann. Die Antworten sind also nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, sondern für jene Minderheit, die sich für solche Fragen überdurchschnittlich stark
interessiert. Diese Gruppe ist gleichsam eine gesellschaftliche Vorhut, die heute schon zeigt, wohin die Mehrheit morgen gehen könnte. Man könnte sie auch als "Sauerteig" bezeichnen, denn diese Minderheit prägt
langfristig gesehen die Mehrheit stark.

Gab es überraschende Antworten?
Zum Beispiel eine überraschend positive Grundstimmung: Zwei Drittel glauben grundsätzlich an die Chance einer nachhaltigen Entwicklung. Fragt man danach, wer dafür Verantwortung übernehmen soll, und wer es tatsächlich tut, klaffen die grössten Lücken zwischen Ist und Soll bei den Regierungen der Schwellenländer, bei den globalen Unternehmen - und bei jedem Einzelnen. Es gibt also keine einseitigen Sündenbock-Theorien.

Auffällig auch, dass die eigenen Beiträge der Befragten zu einem nachhaltigen Lebensstil in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen haben, und dass diese Tendenz weiter gehen wird. Geht es schliesslich um die Motive der Befragten, so zeigt sich, dass nicht die Sorge um das eigene Wohlergehen oder um jenes der eigenen Kinder und Kindeskinder im Vordergrund stehen, sondern ein generelles Verantwortungsgefühl sowie die eigenen Werte.

SensoNet sei "das Sprachrohr der Bewusstseins-Elite". Der Begriff ist tendenziell eher negativ besetzt. Wie ist er hier gemeint?
Gerade weil der Elite-Begriff hier zu Lande tatsächlich immer noch Schaudern auslöst, verwende ich ihn als Denkanstoss. Ich plädiere entschieden für die Möglichkeit einer nicht-elitären Elite. Die Bewusstseins-Elite ist keine Oben-Elite mit Privilegien, sondern eine Vorne-Elite, die früher als andere Themen bewusst wahrnimmt, die zwar in der Luft liegen, aber noch keine öffentliche Verbreitung gefunden haben. Im Übrigen umfasst die Bewusstseins-Elite etwa ein Sechstel der Bevölkerung im deutschsprachigen Raum, Tendenz steigend.

Inwieweit deckt sich diese Gruppe mit LOHAS?
Zu einem guten Teil. Wobei beides eben keine Gruppen im herkömmlichen Sinne sind, vor allem keine "Zielgruppen". Es geht vielmehr um Individuen, die bestimmte Interessen und Werte teilen, ohne sich deshalb als Angehörige einer Gruppe zu empfinden.

Im letzten Editorial schreiben Sie:
"Für eine einzige Cola-Dose ins Auto zu steigen, und dies als Ausdruck individueller Freiheit zu betrachten, ist Ausdruck einer Vorstellung von Freiheit, die diese primär als Möglichkeit sieht, jedem kurzfristigen Impuls, der ein bisschen Lustgewinn verspricht, hemmungslos folgen zu können. Dieser Freiheitsbegriff ist typisch für Jugendliche, die ihre ersten tapsigen Gehversuche im Reich der Freiheit unternehmen. Etwas ältere Semester betrachten ihn dagegen mit Recht als ziemlich unreif. Nachhaltigkeit dagegen ist ein typischer reifer Wert. Und reife Werte sind im Kommen."
Die Alten als Vordenker- und bilder Richtung nachhaltigem Lebensstil?
In der Tat gehört es zu meinen Vorstellungen von Reife, längerfristiger denken zu lernen und Zusammenhänge besser erkennen zu können - beides elementare Voraussetzungen für Nachhaltigkeit. Und dass es im Leben nicht darum gehen kann, ohne Rücksicht auf Verluste die eigenen Gelüste zu realisieren, lernt man auch am besten im Laufe eines Reifungsprozesses. Allerdings ist Reife nicht einfach mit Alter gleichzusetzen: Älter werden wir von allein, reifer nicht. Nur steigen logischerweise mit der Zahl der gemachten Erfahrungen auch die Reifungschancen. Das führt tatsächlich dazu, dass immer mehr reifere Menschen die Rolle einer nachhaltigen Vorhut übernehmen - nicht als einzige natürlich, aber als wertvolle Verbündete für die jüngeren Generationen.

Interessant in dem Zusammenhang ist natürlich auch, dass die älteren Generationen immer kaufkräftiger werden (Stichwort: Golden Agers), was in Verbindung mit einem entsprechenden Bewusstsein tatsächlich ein bedeutender Faktor für eine nachhaltige Entwicklung sein könnte.
Nachhaltig betrachtet ist das eine vorübergehende Erscheinung, die folgenden Generationen werden im Alter kaum mehr dieselben materiellen Privilegien geniessen können. Aber bis dahin haben sie vielleicht gelernt, dass weniger tatsächlich mehr sein kann, und dass Lebensqualität keineswegs an ewig steigende Einkommen gekoppelt ist ...
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Kommentare (6)  Permalink

Kommentare

Manuel @ 11.01.2008 11:46 CET
Danke, schönes Interview!
Michael @ 11.01.2008 13:56 CET
Sehr guter Artikel, besonders der Wortlaut: "... Im letzten Editorial schreiben Sie: ..." stimmt absolut. Auch wir als Jugendliche waren so und mit dem Alter kommen auch die Einsichten, leider nicht bei jedem. Zum anderem, ist es unsere Generation die etwas verändern kann, auf eine Jugendrevolte kann man wahrscheinlich noch lange warten.
Olaf @ 12.01.2008 16:02 CET
Die ist aber auch nicht so leicht zu bewerkstelligen. Ich gebe mir Mühe, meine Lebensmittel etc. soweit es geht auf Nachhaltigkeit zu prüfen, aber auch ich kann es mir auf die Dauer einfach nicht leisten. Als "Golden Ager" ist da wesentlich mehr Potential vorhanden.
Martin Wehning @ 15.01.2008 09:45 CET
Danke für das Interview.
Wer bei der Beschreibung seines Konzepts Immanuel Kant fast im gleichen Atemzu mit den Marx- Brothers zitiert, wer dann noch vom kleinsten Kreis der Interessierten, der oft genug nur aus einer Person besteht erzählt (oder so ähnlich), der verdient allein deswegen schon mein Interesse und meine Sympathie.
Fein, Herr Giger!
InaMS @ 15.01.2008 12:59 CET
Interessantes Interview!
Reto Stauss @ 15.01.2008 13:19 CET
@alle: danke für die positiven Rückmeldungen! Interessant, wie Artikel anderswo (anders) ankommen ... bei anderen Interviews hätte ich eher mit solchen Reaktionen gerechnet.
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