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Praktisches Wissen: wie es verloren geht

Wir haben immer weniger Anreiz, um uns manuell zu betätigen und mit den Händen etwas zu schaffen. Alles gibt es für immer weniger Geld zu kaufen. Keine Ahnung, wann zum Beispiel der letzte Besenbinder gestorben ist, das dürfte wohl kurz nach Gotthelfs Zeiten gewesen sein. Heute werden Besen maschinell oder am anderen Ende der Welt von Billigarbeitskräften hergestellt. Wer könnte heute noch einen brauchbaren Besen binden?
Reetdachdecker
Quelle: pixelio.de
Handwerkliche Berufe verschwinden oder werden stärker spezialisiert und auf wenige Arbeitsvorgänge reduziert. Wir sind auf dem Weg zu einer reinen Informationsgesellschaft. In den Schulen werden praktische Fächer wie Werken, Hauswirtschaft oder Kochen aus Kostengründen zusammengestrichen. Dafür hält die Digitalisierung Einzug ins Schulzimmer und die Kinder dürfen noch eine Fremdsprache erwerben, damit sie zu tauglichen Mitgliedern unseres Wirtschaftssystems werden.

Auch in den Familien wird praktisches Wissen nicht mehr weitergegeben, weil kaum mehr vorhanden. Wer hat denn noch einen eigenen Garten oder eine Werkstatt? Kinder sind zudem in der Schule und im Freizeitbereich so gefordert (oder werden "gefördert"), dass keine Zeit mehr für anderes bleibt. Konsum und Anlässe - neudeutsch: Events - prägen die aufwachsenden Generationen. Die Voraussetzungen, zu einem selbstständigen und selbstversorgenden Individuum zu werden, verschlechtern sich ständig.

Die Anwendung von praktischem Wissen hat sich beinahe vollständig in den privaten und freiwilligen Bereich verschoben. Wer nicht in einer Familie aufgewachsen ist, in welcher handwerkliche Tätigkeiten gepflegt wurden, muss sich bei entsprechendem Bewusstsein und dem in Kauf nehmen eines entsprechenden Aufwandes selber praktisches Wissen aneignen. Und hier reden wir sicher nicht von Massen, sondern einzelnen Idealisten.

All dies führt dazu, dass über Jahrhunderte erworbenes und verfeinertes Wissen verloren geht. Die greise Korbflechterin in unserem Dorf wird ihren Erfahrungsschatz mangels Nachfolge mit ins Grab nehmen. Wie können wir uns persönlich wieder selbstständiger machen und uns praktisches Wissen wieder aneignen?
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Kommentare (9)  Permalink

Kommentare

Horst (Blog ohne Diät) @ 24.09.2007 09:14 CET
Doch doch, solches Wissen wird durchaus noch gepflegt. Besenbinden macht meine Frau durchaus selber und auch andere Dinge, die nicht mehr üblich sind. Ein selbstgegerbtes Schaffell, selbstgesponnene und gefärbte Wolle usw. gehören dazu. Das schönste Spielzeug ist auch das, was Opa selbst gezimmert hat.

In der realen Praxis mag es sein, dass es immer schwerer wird das notwendige Wissen zu erhalten. Aber dank Internet kann sich jeder Interessierte wieder problemlos informieren.
DER DISSIDENT @ 24.09.2007 10:02 CET (Trackback)
Dass die technische Rationalisierung und Automatisierung bisweilen «praktisches Wissen» vernichtet, mahnte bereits Ortega im Riesenessay Der Aufstand der Massen: «Was ihm [dem Massenmenschen] am Herzen liegt, sind offenbar Automobile, Anästhetika ...
Olaf @ 24.09.2007 10:18 CET
Ich muss ehrlich sagen, ich habe heute auch keine wirkliche Ahnung mehr, etwas selber herzustellen. Als ich noch in der Schule war, haben wir im Alter von 8 oder 9 Nähen gelernt. Am Ende hatten wir unseren eigenen Rucksack. Sägen, Schleifen und Biegen waren auch dabei. Wie es heute aussieht...keine Ahnung. Das die Digitalisierung so groß ist, kann ich nicht ganz so nachvollziehen. Die Rechner in meiner letzten Schule waren sehr alt und die Kenntnisse der Klasse hielten sich arg in Grenzen.

Wie man dieses Wissen erhalten kann? Horst sagt es ja schon. Und das ist nicht unbedingt schlecht. Natürlich wäre es schön, wenn man das ganze noch persönlich gezeigt bekommen würde, aber vielleicht muss man zur Zeit glücklich sein, dass das Wissen überhaupt überlebt. Mag sein, dass es auch einfach mehr damit zu tun, dass so viele Menschen in der Stadt wohnen, dass sie dieses Wissen nicht benötigen.

Ich bin froh mit einer Säge, Hammer und sonstigem ganz gut umgehen zu können. Geld für Materialien ist trotzdem fast nie da. Vielleicht ist ja auch das.
Reto Stauss @ 24.09.2007 10:53 CET
@Horst: genau diese Angaben möchte ich dann am Freitag in "Wer weiss was" sammeln! Wie praktisches Wissen erhalten werden kann, darauf möchte ich noch eingehen.

@Olaf: Wenn Du mit Werkzeugen umgehen kannst, dann hast zumindest schon mal gute Voraussetzungen und kannst auch ohne Materialien Dich "selberversorgen": nämlich beim Repaiereren von Dingen!
Simon Meyer @ 25.09.2007 10:51 CET
Der allgemein verbreiteten Angst das praktische Wissen sterbe aus, kann ich mich anschliessen.
Das Problem scheint mir vielmehr, dass es von der Gesellschaft tot geredet wird. „Das Handwerk ist Tot!!“ [Jammer heul]!
Und so trage sie die leeren Särge an Schreinereien und Schmieden, an Mühlen, Färbereien, Knochenschnitzereien, dem Zinngiesser, der Köhlerin, dem Stuckateur und der Korbflechterin (und ja, dem Besenbinder) vorbei und beweinen die gute alte Zeit. Sie kaufen sich weiter die Möbel beim Billigdiscounter, glauben, dass es tatsächlich möglich ist ein T-Shirt für 10Cent zu produzieren und das Fleisch kaufen sie nicht nebenan beim Fleischer, sondern beim A…di und L…dl.
Die vermeintliche Krise fand bereits während der Industrialisierung im 4. Jh. (sic!) ihren Anfang und zeigte sich in mannigfaltiger Weise. Seither haben sich viele Berufe verändert und Unmengen an Wissen sind verloren gegangen. Dafür wurde auch immer neues Wissen geschaffen, neue Techniken erfunden. Wieso soll jemand wissen wie man Spanschachteln herstellt, wenn diese nicht mehr gebraucht werden? Wozu das Wissen bewahren?
Wenn überhaupt, dann deswegen: Es bewahrt den Homo Faber vor dem Untergang.
Reto Stauss @ 25.09.2007 11:07 CET
@Simon: sollte das im ersten Satz "kann ich mich nicht anschliessen" heissen?

Ja, schon richtig, dass es einfach der Lauf der Zeit ist, dass Wissen verloren geht. Aber ich denke, dass wir heute praktisches Wissen vergessen, welches noch vor kurzem für den Alltag notwendig war, heute aber durch Konsum ersetzt wird, aber für einen Schritt zurück, d.h. einen nachhaltigen Lebensstil durchaus notwendig ist.

Klar, dass man heute nicht mehr selber Bronze giessen oder einen Bogen bauen können muss, aber vielleicht wäre es nützlich, wenn man Gemüse im Garten selber anbauen und in der Küche verarbeiten kann. Dies war noch bis vor kurzem selbstverständlich, aber heute ist dazu nur noch eine Minderheit in der Lage.
Simon Meyer @ 25.09.2007 11:33 CET
Ja, sorry, das muss haissen: kann ich mich nicht anschliessen.

Ja, ich stimme zu, dass wir vieles was klug zu wissen wäre nicht mehr anwenden. Sei es nun im Garten oder Handwerk.
Ich wollte mit meinem Beitrag auch nicht sagen, dass es nicht mehr nötig wäre, sondern nur, dass wir das Wissen noch überall finden und eigentlich nur zugreiffen müssen.
Ich lebe auf dem Land, was sicher einiges einfacher macht. Grosser Garten, 20 Hühner und das meiste was ich brauche in der Nachbarschaft. Im Mai diesen Jahres habe ich die Union de l'Artisanat Suisse gegründet. Bei dem Verein, bei welchem übrigens auch die Werklehrerinnen und Werklehrer Mitglied sein werden, geht es darum alle im Handwerk tätigen und am Handwerk interessierten (inklusive Genusshandwerk) zusammenzubringen, gemeinsame Projekte zu lancieren und voneinander zu lernen. Jeder der Wissen hat, sollte auch die Möglichkeit bekommen es mit anderen zu teilen. Und es sollte möglich sein, neues Wissen zu schaffen, welches für die heutige Zeit nützlich und sinnvoll ist.
Reto Stauss @ 25.09.2007 12:46 CET
@Simon: Ja, ist grundsätzlich schon richtig, dass noch viel Wissen vorhanden ist. Und es wird auch noch/wieder gepflegt.

Das gestartete Projekt tönt spannend. Gibt es was auf dem Web zu lesen darüber?
Simon Meyer @ 25.09.2007 16:23 CET
Unter http://werkzeitraum.ch
oder http://artisansuisse.ch
sind (fast) alle Infos zu finden.

Was das praktische Wissen in den Stdten angeht, so werden wir nächstes Jahr einen Pilot starten, bei dem wir in Luzern ein samstag im Monat Werken für Kinder und Jugendliche anbieten werden. Werken "Von der Steinzeit in die Gegenwart. Nach unseren bisherigen Erfahrungen sind die Kids ganz Geil auf Werken und Basteln. Sie haben eben, wie du richtig sagst, viel zu wenig Möglichkeit dazu.
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