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Im Gespräch: Tonio Keller

Tonio Keller ist Journalist und Autor. Er hat seine Erfahrungen in Gemeinschaften unter anderem ins Buch "Gemeinschaft, ein Traum auf dem Prüfstand" einfliessen lassen (Besprechung hier).
Gemeinschaft, ein Traum auf dem PrüfstandBitte erkläre kurz, wer Du bist und was Du machst.
Ich bin Jahrgang 1958 und von Beruf freiberuflicher Journalist (Lokales), lebe seit 11 Jahren in der Nähe von Lübeck. Am Thema Gemeinschaft bin ich seit meiner Kindheit interessiert, als ich einen Fix-und-Foxi-Club gründete, später aktiv in der katholischen Jugend, als Student in der Fachschaft war. Das kreative und konstruktive Zusammenleben von Menschen war mir immer eines der wichtigsten Anliegen und ist es bis heute geblieben. (Näheres siehe Selbstbeschreibung im Buch).

Lebst Du im Moment in einer Gemeinschaft? Wenn ja, wie lange und wie läuft es? Wenn nein, warum nicht?
Ich bin Mitglied einer kleinen Gemeinschaft in der Mitte Schleswig-Holsteins (derzeit 7 Personen: 4 Frauen, 3 Männer, keine Kinder), wohne aber aus beruflichen Gründen nicht dort, sondern allein in der Nähe meiner Arbeitsstelle. Die Gemeinschaft wurde vor etwa neun Jahren von drei Frauen gegründet (Kauf einer ehemaligen Kneipe), die auch weiterhin den Kern der Gemeinschaft bilden. Ich stieß vor fünf Jahren dazu.

Die Gemeinschaft hat inzwischen schwere Krisen überstanden, die durch einen krankhaft gestörten Mitbewohner ausgelöst wurden. Er hat inzwischen den Platz verlassen. Seit etwa zwei Jahren wird mit gutem Erfolg eine Supervision von einem Gestalttherapeuten in Anspruch genommen. Die letzte Krise ist noch nicht lange vorbei, aber es scheint jetzt wieder aufwärts zu gehen.

Bist Du fündig geworden bei der Suche nach einer funktionierenden, nichthierarchischen Gemeinschaft?
Das ist schwierig zu beantworten. Meine eigene Gemeinschaft und auch verschiedene andere, die ich kenne und beobachte, verstehen sich als hierarchiefrei und funktionieren, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Das "Funktionieren" verlangt aber eine beständige Auseinandersetzung miteinander, mit sich selbst und den eigenen psychischen Strukturen, mit den gemeinsamen Zielen und den gewünschten Formen (z. B. der Art der Auseinandersetzung oder des täglichen Umgangs miteinander). Das "Funktionieren" ist also niemals "fertig", ist nicht dem Funktionieren eines Uhrwerks vergleichbar, sondern eher - im guten Fall - dem beständigen Wachstum einer Pflanze.

Andererseits "funktionieren" auch hierarchische Gemeinschaften nur, sofern sich eine Hierarchie erfolgreich etabliert hat, und auf dem Weg dahin (Machtkämpfe, Ideologiekämpfe) sind schon so manche Gruppen zusammengebrochen oder haben sich zersplittert.

Brauchen wir neue Formen des Zusammenlebens oder reicht nicht auch die mehr oder weniger funktionierende heutige Gesellschaft?
Wir brauchen auf jeden Fall neue Formen des Zusammenlebens. Die heutige Gesellschaft "funktioniert" ja nur recht und schlecht und steht meines Erachtens auf einem sehr dünnen Eis, das leicht brechen kann. Außerdem "funktioniert" vieles nur scheinbar, beziehungsweise nur mit erheblichem Leid und menschlicher Verarmung vieler Beteiligter (siehe Hartz IV). Außerdem legt es die heutige Gesellschaft auf Entmündigung des einzelnen und auf Abgabe der Eigenverantwortung an, auch wenn in Sonntagsreden das Gegenteil behauptet wird.

Franz Nahrada sieht Globale Dörfer als eine mögliche neue Form von Gemeinschaften auf dem Lande (siehe Beitrag hier). Verträgt sich das mit den von Dir gemachten Erfahrungen?
Globale Dörfer sind gewiss eine interessante zu verfolgende Variante. Worauf es mir jedoch am meisten ankommt, ist die Gemeinschaftsbildung "im Kern", das heißt in der nahen Bezugsgruppe von fünf bis 20 Leuten, im überschaubaren menschlichen Lebenszusammenhang. Da treten die meisten Probleme und Schicksalsfragen des menschlichen Umgangs auf, dafür braucht es Lösungen, die überall verschieden gefunden werden können und sollen. Aber nur solche Lösungen halten meines Erachtens und sind tragfähig.

Ist dies gewährleistet, so können solche Kerngruppen sich gewiss gut zu größeren "Dörfern" zusammenfügen - oder auch nicht. Doch eine Planung größerer Komplexe von oben wird diesen Kernfragen nicht gerecht. Zumindest müssen diese Prozesse dann im Kleinen nachgeholt werden - und darauf werden die Beteiligten unweigerlich gestoßen.

Wo soll jemand beginnen, wenn er auf der Suche nach einer Gemeinschaft ist und was muss beachtet werden?
Am besten ist es, mehrere Gemeinschaften zu besuchen und bei einer oder mehreren nach Wahl eine Zeitlang zu leben. Dabei neugierig sein, aber das Vorgefundene zunächst akzeptieren, denn die Betreiber haben sicherlich ihre Gründe, warum sie dies so und anderes anders machen. Eine Gemeinschaft selber zu gründen rate ich nur jemandem, der bereits genügend eigene Erfahrung gemacht hat.
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Kommentare (3)  Permalink

Kommentare

Ronny Wytek @ 19.03.2007 18:53 CET
Tonio und Holger Seyer haben da ein echt empfehlenswertes Buch publiziert!
Wer auf Gemeinschaftssuche gehen möchte, sollte www.eurotopia.de besuchen.
Alles Liebe, Ronny
Reto @ 19.03.2007 20:32 CET
Danke für den Link. Das Buch Eurotopia steht bei mir auch im Regal und wartet auf eine Besprechung.
Fridolf @ 03.04.2007 07:26 CET
Zusammenleben bedeutet ja auch glückliches, zufriedenes und dauerhaftes zusammenleben.
Wenn ich meine fixe Werteskala nicht ändere, ist das Abspringen auf ein anderes Projekt schon vorprogrammiert.
"Ich bin ein Teil vom Ganzen und kann nur im Miteinander mit allem mich zu einen wahren Menschen entwickeln. Als Individualist schneide ich mich immer wieder vom Ganzen ab und leide.
Wenn ich mir dessen bewusst bin, ist "gewaltfreie Kommunikation" wirklich dumm, weil Gewaltlosigkeit normal ist und wir uns an der Normalität orientieren sollten.
In der Nullposition stehend durch die Sache selbst untersuchen, wie ist es wohl wirklich (Kensan)?Besserwisserei oder Machtkämpfe sind da wirkliche dumme Erscheinungen, die dadurch leicht zu beseitigen sind.
Viel Spass
Fridolf
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