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Im Gespräch: Matthias Kestenholz

Matthias Kestenholz war so freundlich, sich mir für ein kurzes Interview per E-Mail zur Verfügung zu stellen. Matthias ist Jungpolitiker, Student und Blogger. Thema des Interviews: Nachhaltigkeit.
Bitte erkläre kurz, wer Du bist und was Du machst.
Mein Name ist Matthias Kestenholz, ich bin 24 Jahre alt und studiere im 9. Semester Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich. Aufgewachsen bin ich in Steffisburg, bin aber vor mehreren Jahren für das Studium nach Zürich gezogen.

In Steffisburg wurde ich zum ersten Präsidenten des Jugendrats gewählt, und bin seither nicht nur politisch interessiert sondern auch aktiv. Nach dem Umzug habe ich beim Aufbau der Jungen Grünen Zürich und Schweiz mitgearbeitet. Ich habe vor einigen Monaten das Co-Präsidium der Jungen Grünen Kanton Zürich übernommen und konzentriere mich im Moment auf die Kantonsratswahlen 2007 und auf die Initiative für menschenfreundlichere Fahrzeuge ("Offroader-Initiative").

Ich habe letzten Herbst eine Informatik-Firma mitgegründet und arbeite als Programmierer. Als Ausgleich zu aller Kopfarbeit betreibe ich Ausdauersport und hoffe, dass ich irgendwann wieder genügend Zeit finde, Trompete zu spielen.

Was bedeutet für Dich der oft verwendete Begriff Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist ein Konzept, welches in fast allen Lebensbereichen Anwendung finden kann und soll.

Eine nachhaltige Lebensweise beeinträchtigt weder das Leben anderer heute lebender Menschen noch das Leben zukünftiger Generationen. Im Umweltbereich heisst das nicht, dass wir keine Ressourcen verbrauchen dürfen. Es bedeutet, dass wir in erster Linie erneuerbare Ressourcen verwenden sollten, und unseren Verbrauch von nicht erneuerbaren Ressourcen auf das absolute Minimum zurückfahren müssen.

Soziale Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir die schwächeren und ärmeren Mitglieder unserer globalen Gesellschaft nicht vernachlässigen, sondern auch ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. In der Gegenwart bedeutet dies vielleicht, dass unser Wohlstand abnimmt, da die Entwicklungshilfe im Ausland und Sozialhilfeprogramme im Inland nicht kostenlos sind. Auf längere Dauer verhindern wir damit aber Unruhen, Völkerwanderungen und ähnliches welches uns in Zukunft wesentlich mehr beeinträchtigen würde. Zudem ist es überhaupt nicht vertretbar, dass wir es uns hier auf Kosten der dritten Welt so gut gehen lassen.

Schlussendlich hat die Nachhaltigkeit auch eine ökonomische Dimension: Eine funktionierende Wirtschaft welche allen Arbeitswilligen eine Beschäftigung bieten kann ist eine wichtige Voraussetzung für ein erfüllendes Leben.

Egal, welche Menge an nicht erneuerbaren Rohstoffen verbraucht werden, sie sind unwiederruflich verloren und für zukünftige Generationen nicht mehr nutzbar. Wäre es nicht konsequenter, komplett auf sie zu verzichten? Haben wir diese Wahl überhaupt?
Ein kompletter Verzicht muss angestrebt werden, ist aber im Moment noch nicht realistisch. Wir haben zum Beispiel täglich mit Kunststoffen in allen möglichen Formen zu tun, und zur Herstellung von Kunststoff braucht es - immer noch - auch Erdöl.

Ein Reduktionsmodell, welches allen einleuchten sollte, ist dies: Die Reduktion unseres Verbrauches muss mit dem Verbrauch selbst in einem solchen Verhältnis stehen, dass die vorhandene Menge des Rohstoffes immer für dieselbe Zeitdauer reicht (also eine exponentielle Abnahme des Verbrauches). Ich persönlich denke, dass die angesprochene Reduktion eine Minimalanforderung ist, da wir nicht wissen wofür in Zukunft die Rohstoffe auch noch verwendet werden können, möglicherweise für wesentlich sinnvollere Dinge als heute.

Kannst Du den Begriff Nachhaltigkeit in einem Satz umschreiben?
Ich finde die Definition aus dem Brundtland-Bericht nicht übel, leider vernachlässigt sie aber die Nachhaltigkeit zwischen heute lebenden Menschen und konzentriert sich einseitig auf zukünftige Generationen.

Wie sieht für Dich ein (ideales) nachhaltiges Leben aus? Praktizierst Du einen nachhaltigen Lebensstil? Wenn ja, wie konkret?
Ich lebe leider in einer Blockwohnung in der Innenstadt Zürichs, welche schlecht isoliert ist. Deshalb liegt mein persönlicher Energieverbrauch über den anzustrebenden 2000 Watt. Ich achte darauf, dass nicht Strom verschwendet wird und bewege mich in erster Linie mit dem Fahrrad fort, und selten mit dem öffentlichen Verkehr. Ich bevorzuge biologische Lebensmittel aus der Region. Im Bereich der sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit ist eigentlich nur mein politisches Engagement wesentlich.

Als Mitbegründer einer Informatikfirma ist Dir sicher bewusst, dass es gerade in diesem Bereich noch ein grosses Potential für einen nachhaltigen Umgang mit Energie und Rohstoffen gibt. Seid ihr in diese Richtung aktiv? Und wenn ja, wie?
Wir möchten die Webserver mit Solarstrom betreiben und diese Kosten den Kunden überwälzen, dafür arbeiten wir im Moment ein Konzept aus, wie hoch diese Kosten sind. Privat verwenden wir schon jetzt ökologischen Strom.

In den technischen Geräten steckt sehr viel graue Energie. Ich brauche einen Computer bis er nicht mehr läuft, und nicht bis mir ein neueres Modell besser gefallen würde. Mein jetziges Notebook ist dreieinhalb Jahre alt und zeigt ziemliche Abnützungserscheinungen; solange es für die Arbeit noch reicht, kommt der Kauf eines Neuen aber nicht in Frage.

Was hälst Du von der auf Hochtouren laufenden Klimadiskussion?

Die Wissenschafter sind sich zu grossen Teilen einig, dass die Klimaveränderung real ist und dass sie zum in erster Linie durch den Menschen verursacht wird.

Die wichtige Frage wäre heute eigentlich, ob es besser ist, sich an die Folgen der Klimaveränderung anzupassen oder ob wir versuchen sollten, den Klimawandel zu stoppen. Leider versucht eine kleine, aber sehr laute Minderheit noch immer, die wissenschaftlichen Grundlagen anzuzweifeln und bekommt auch regelmässig mediale Aufmerksamkeit. Zweifel ist zwar immer erlaubt und auch sehr wichtig für die Vermehrung der wissenschaftlichen Erkenntnis, aber wenn Argumente verwendet werden, welche längst widerlegt sind, ist dies sehr unwissenschaftlich und schadet der Diskussion.

Ich bin der Meinung, dass eine Reduktion des Austosses schädlicher Treibhausgase möglich wäre: Eine Realisierung der von der ETH vorgeschlagenen 2000-Watt-Gesellschaft und die Förderung und Verwendung alternativer Energien können uns vor gefährlichen Auswirkungen des Klimawandels schützen. Die entwickelten Länder können sich mit Technologie sprichwörtlich über Wasser halten, zum Beispiel in Südostasien droht bei der prognostizierten Erhöhung des Meeresspiegels eine humanitäre Katastrophe. Die zu erwarteten Völkerwanderungen der Klimaflüchtlinge werden globale Auswirkungen haben und uns vor wesentlich schwerere Probleme stellen als die Reduktion des Treibhausgasausstosses.

Denkst Du, das wir uns wieder mal auf den Abgrund zubewegen? Gehörst Du eher zu den Pessimisten oder den Optimisten, was die ganze Umwelt- und Nachhaltigkeitsthematik betrifft?
Der Abgrund ist sichtbar, und handeln wäre angesagt, aber ich bin trotzdem nicht allzu pessimistisch. Die Menschheit wird nicht zugrunde gehen, und die Natur kann sich sehr gut selbst retten. Wenn wir heute nicht bereit sind, das technologische Potential auszuschöpfen und möglicherweise auch unsere Lebensweise etwas zu ändern, werden wir in Zukunft zu grösseren Anpassungen gezwungen werden. Ich glaube, dass wir diese Probleme auch meistern können.

Dieser ganze Optimismus kann aber nicht über die humanitären Tragödien hinwegtäuschen, welche zu erwarten sind wenn wir so weiterfahren wie wir dies in den letzten 100 Jahren gemacht haben. Unsere technologischen Möglichkeiten sind zu mächtig geworden, und unsere grossen Einflussmöglichkeiten auf unseren Lebensraum erfordern auch einen neuen Umgang mit dieser Verantwortung. Die Gesellschaft scheint noch nicht bereit zu sein dazu, aber vielleicht wird sie es werden.

Für den Moment hoffe ich, dass ich in den Kantonsrat Zürichs gewählt werde und dort Akzente in umwelt- und gesellschaftspolitischer Hinsicht setzen kann.
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Kommentare (2)  Permalink

Kommentare

Adrian @ 25.01.2007 08:42 CET
Gut gebrüllt Löwe! Jetzt ist Sustainability natürlich nicht gerade ein neues Thema, wurde sie doch bereits im 19. Jahrhundert entdeckt :) Nur muss die Idee nun mittelfristig auch noch bei den aufstrebenden Schwellenländern BRIC ankommen, sonst helfen alle Klima-Aktivitäten nichts.

Erfreulich finde ich es übrigens, dass der Blog nicht nur ein Strohfeuer für den Wahlkampf ist - in diesem Sinne toi toi toi für Deinen Wahlkampf Matthias!

Unter http://www.blog.zimtkorn.ch/2007/01/25/politik-20/ bin ich übrigens gerade am Suchen von Polit-Blogs der "Grossen". Weitere Ideen?
Reto Stauss @ 25.01.2007 08:51 CET
Ausser Ruedi Baumann's Auswandererblog ist mir kein weiterer bekannt ... allerdings ist er ja nicht mehr aktiv.

Übrigens: Relaunch schön und gut, aber schaut die Seite mal in Opera an.
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